Normalzeugnis Zeugnis
Dichtung und Wahrheit IX (WA I 27, 231)
Ich bezog ein kleines aber wohlgelegenes und anmuthiges Quartier an der Sommerseite des Fischmarkts ... Dann gab ich meine Empfehlungsschreiben ab, und fand unter meinen Gönnern einen Handelsmann, der mit seiner Familie jenen frommen, mir genugsam bekannten Gesinnungen ergeben war, ob er sich gleich, was den äußeren Gottesdienst betrifft, nicht von der Kirche getrennt hatte. Er war dabei ein verständiger Mann und keineswegs kopfhängerisch in seinem Thun und Lassen. Die Tischgesellschaft, die man mir und der man mich empfahl, war sehr angenehm und unterhaltend. Ein paar alte Jungfrauen hatten diese Pension schon lange mit Ordnung und gutem Erfolg geführt; es konnten ungefähr zehen Personen sein, ältere und jüngere. Von diesen letztern ist mir am gegenwärtigsten einer, genannt Meyer, von Lindau gebürtig ... Sein Gedächtniß war unglaublich, die Aufmerksamkeit in den Collegien kostete ihm nichts; er behielt alles was er hörte und war geistreich genug, an allem einiges Interesse zu finden, und um so leichter, da er Medicin studirte. Alle Eindrücke blieben ihm lebhaft, und sein Muthwille in Wiederholung der Collegien und Nachäffen der Professoren ging manchmal so weit, daß wenn er drei verschiedene Stunden des Morgens gehört hatte, er Mittags bei Tische paragraphenweis, ja manchmal noch abgebrochener, die Professoren mit einander abwechseln ließ: welche buntschäckige Vorlesung uns oft unterhielt, oft aber auch beschwerlich fiel.
Die Übrigen waren mehr oder weniger feine, gesetzte, ernsthafte Leute. Ein pensionirter Ludwigsritter Oberst Frhr. v. Cronhjelm? befand sich unter denselben; doch waren Studirende die Überzahl, alle wirklich gut und wohlgesinnt, nur mußten sie ihr gewöhnliches Weindeputat nicht überschreiten. Daß dieses nicht leicht geschah, war die Sorge unseres Präsidenten, eines Doctor Salzmann ...
Mit diesem Manne beredete ich meinen Vorsatz, mich hier in Straßburg der Rechtswissenschaft ferner zu befleißigen, um bald möglichst promoviren zu können. Da er von allem genau unterrichtet war, so befragte ich ihn über die Collegia, die ich zu hören hätte, und was er allenfalls von der Sache denke? Darauf erwiderte er mir, daß es sich in Straßburg nicht etwa wie auf deutschen Akademien verhalte, wo man wohl Juristen im weiten und gelehrten Sinne zu bilden suche. Hier sei alles, dem Verhältniß gegen Frankreich gemäß, eigentlich auf das Praktische gerichtet und nach dem Sinne der Franzosen eingeleitet, welche gern bei dem Gegebnen verharren. Gewisse allgemeine Grundsätze, gewisse Vorkenntnisse suche man einem jeden beizubringen, man fasse sich so kurz wie möglich und überliefere nur das Nothwendigste. Er machte mich darauf mit einem Manne bekannt, zu dem man, als Repetenten, ein großes Vertrauen hegte; welches dieser sich auch bei mir sehr bald zu erwerben wußte. Ich fing an mit ihm zur Einleitung über Gegenstände der Rechtswissenschaft zu sprechen, und er wunderte sich nicht wenig über mein Schwadroniren: denn mehr als ich in meiner bisherigen Darstellung aufzuführen Gelegenheit nahm, hatte ich bei meinem Aufenthalte in Leipzig an Einsicht in die Rechtserfordernisse gewonnen ...
Mein Repetent, nachdem er mit meinem Umhervagiren im Discurse einige Zeit Geduld gehabt, machte mir zuletzt begreiflich, daß ich vor allen Dingen meine nächste Absicht im Auge behalten müsse, die nämlich, mich examiniren zu lassen, zu promoviren und alsdann allenfalls in die Praxis überzugehen. Um bei dem Ersten stehen zu bleiben, sagte er, so wird die Sache keineswegs im Weiten gesucht. Es wird nicht nachgefragt, wie und wo ein Gesetz entsprungen, was die innere oder äußere Veranlassung dazu gegeben; man untersucht nicht, wie es sich durch Zeit und Gewohnheit abgeändert, so wenig als in wiefern es sich durch falsche Auslegung oder verkehrten Gerichtsbrauch vielleicht gar umgewendet. In solchen Forschungen bringen gelehrte Männer ganz eigens ihr Leben zu; wir aber fragen nach dem was gegenwärtig besteht, dieß prägen wir unserm Gedächtniß fest ein, daß es uns stets gegenwärtig sei, wenn wir uns dessen zu Nutz und Schutz unsrer Clienten bedienen wollen. So statten wir unsre jungen Leute für’s nächste Leben aus, und das Weitere findet sich nach Verhältniß ihrer Talente und ihrer Thätigkeit. Er übergab mir hierauf seine Hefte, welche in Fragen und Antworten geschrieben waren und woraus ich mich sogleich ziemlich konnte examiniren lassen, weil Hopps kleiner juristischer Katechismus mir noch vollkommen im Gedächtniß stand; das Übrige supplirte ich mit einigem Fleiße und qualificirte mich, wider meinen Willen, auf die leichteste Art zum Candidaten.
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