Brief

Von Johann Sulpiz Melchior Dominikus Boisserée (12. Mai 1818)

Bedauern darüber, daß sich die Hoffnung, G. im Sommer in Heidelberg zu sehen, so ganz ins ungewiße verschöbe. - Dank für die Übersendung des 3. Heftes von "Über Kunst und Altertum", das vielseitigen Stoff zum Weiterdenken und Verhandeln biete. G.s ununterbrochene Thätigkeit sei für B. ein unaussprechbar liebes Hoffnungsreiches Zeichen. Die Abhandlung "Joseph Bossi über Leonard da Vinci Abendmahl zu Mailand" sei ein Muster kunst-geschichtlicher und -beschreibender Darstellung. Die Würdigung von K. Ruckstuhls Bemühungen habe B. sehr erfreut (vgl. G. "Deutsche Sprache", darin u. a. über Ruckstuhls "Von der Ausbildung der teutschen Sprache"). Auch die hier und da versteckten Neckereyen, wie die Beziehung der redenden Thiere auf unser politisches Unwesen (vgl. H. Meyer und G. "Skizzen zu Castis Fabelgedicht: Die redenden Tiere") hätten B. Vergnügen bereitet. Einiges, bei dem er nicht G.s Meinung sei, lasse er auf sich beruhen. Das protestirende JubilarGedicht (G. "Dem 31. Oktober 1817") verstehe B. historisch antiquarisch. Auf die Betrachtungen über den ethischen Charakter der verschiedenen Künstler sei B. sehr begierig (vgl. G.s Aphorismen unter dem Titel "Naivität und Humor"); B. meine, die Darstellungen des heiligen Joseph in der byzantinischen Kunst wirkten nur wegen der Ungeschicklichkeit der Künstler humoristisch. Seine Anmerkungen zu G.s Beitrag "Geistesepochen, nach Hermanns neusten Mitteilungen" behalte sich B. für einen späteren Brief vor. - Zu den Hierodulen Händeln (Polemik um das nach einer Idee von A. Hirt inszenierte und anläßlich der Vermählung des Prinzen Friedrich von Preußen mit Prinzessin Luise von Anhalt-Bernburg aufgeführte Ballett "Die Weihe des Eros Uranios"): Man habe selbst F. Creuzer mit ins Spiel ziehen wollen, der aber abgelehnt habe. Aus Briefen K. A. Böttigers nach Heidelberg gehe hervor, daß nicht dieser, sondern F. A. Wolf der Urheber des Streits zu sein scheine (durch den Beitrag "Etwas über den Namen Hierodulen", in: "Der Gesellschafter" 1818, Nr. 24, als Reaktion auf einen anonymen, Böttiger zugeschriebenen Artikel in der "Zeitung für die elegante Welt" 1818, Nr. 16-18; vgl. auch Hirt "Die Hierodulen", Ruppert 2062); Wolfs sarkastische Natur sei möglicherweise durch Hirts Pedanterey und Geschmacklosigkeit in Versuchung geraten. Es sei eine abgeschmackte Geschichte, und B. könne es mit keiner der streitenden Partheyen halten (vgl. auch RA 8, Nr. 115). - A. F. J. Thibaut pflege die alte KirchenMusik von Händel und Bach bis zum Lasso und Palestrina. Sein nach K. F. Zelters Vorbild aufgebauter Singverein erreiche durch diese Pflege und durch das Sammeln von vortrefflichen und seltenen Musikalien beachtliche Wirkung; erwähnt: B. Klein. - B. habe etwas von seinen Arbeiten zur Geschichte der Baukunst beifügen wollen, habe aber nicht genügend Zeit, die Abschrift zu vollenden (vgl. RA 8, Nr. 304). - B. erwarte den erwähnten Brief Meyers. - Dank für den schönen beherzigens werthen Vers ("Warum ist Wahrheit fern und weit? ...", in: "West-östlicher Divan", WA I 6, 125) und Glückwünsche zur Geburt von G.s Enkel Walter, denen sich M. Boisserée und J. B. Bertram anschlössen.

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