Normalzeugnis Zeugnis

Caroline v. Wolzogen, Schillers Leben (C. v. Wolzogen1 S. 130)

Während dieses Sommers sah Schiller Goethen zuerst in unserm Hause. Wie alle rein fühlenden Herzen, hatten uns dieses Dichters Schöpfungen mit Enthusiasmus erfüllt. Alle unsre erhöhteren, ächt menschlichen Empfindungen fanden durch ihn ihre eigenthümliche Sprache; Goethe und Rousseau waren unsre Hausgötter. Auch floß des Erstem so liebenswürdige Persönlichkeit, die wir bei unserer Freundin, Frau von Stein, kennen gelernt, mit dem Dichter in unserm Gemüth in Eins zusammen, und wir liebten ihn, wie einen guten Genius, von dem man nur Heil erwartet. Wir hatten Schillern die Recension des Egmont fast nicht verzeihen können. Höchst gespannt waren wir bei dieser Zusammenkunft, und wünschten nichts mehr als eine Annäherung, die nicht erfolgte. Von Goethen hatten wir, bei seinem entschiedenen Ruhme und seiner äußern Stellung, Entgegenkommen erwartet, und von unserm Freunde auch mehr Wärme in seinen Äußerungen. Zu unserm Trost schien Goethe von schmerzlicher Sehnsucht nach Italien befangen; und da wir selbst bei der Rückkehr aus der Schweiz empfunden, wie man sich nach dem Genusse einer größern Natur nicht sogleich wieder mit ihrer gewöhnlichen, wenn auch anmuthigen Erscheinung verträgt, so liehen wir ihm gern diese Empfindungsart, als Grund seiner Kälte. Es freute uns sehr, daß Goethe das Heft des Merkurs, welches die Götter Griechenlands enthielt, und das von ungefähr auf unserm Tisch lag, nachdem er einige Minuten hineingesehen, einsteckte und bat, es mitnehmen zu dürfen.

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