Brief

An Carl Friedrich von Reinhard (16. November 1807)

Ihr festtägiger Brief, mein verehrter Freund, hat auch mir einen Festtag hervorgebracht. Ich mag mich gar zu gern durch Sie nach Paris versetzt sehen, das ich wohl in der Wirklichkeit schwerlich betreten werde. Uebrigens haben wir alle Ursache unsere innern Familien und Freundesfeyertage recht fromm zu begehen: denn was die öffent lichen Feyerlichkeiten betrifft, so theilt sich die Welt wahrhaft in eine Tages und Nachtseite, und leider befinden wir uns auf der letztern. Von meinem Befinden, an dem Sie so freundlich Theil nehmen, will ich gleich voraussagen, daß es ganz leidlich ist; daß ich bey einer glei chen Diät mich in einem ziemlich gleichen Zustande erhalte, arbeiten kann und noch mehr thun würde, wenn ich nicht so zerstreut würde durch das Theater, das als ein Repräsentant der Welt, die Rechte seines Urbildes behauptet, und durch Fremde, deren mehr oder weniger er wünschte Besuche einen lebhaften Reisezirkel durch mein Haus führen. Das chromatische Geschäft, das mir durch Ihre gütige Theilnahme doppelt interessant wird, habe ich auch wieder angegriffen, aber noch kein Manuscript zum Druck befördern können. Nach der langen Pause, und nach unsern Unterhaltungen, komme ich an die Sache mit einer Frischheit des Blickes, die mich an dem vorgearbeiteten manches aussetzen läßt. Was zunächst zum Druck bestimmt war habe ich wieder um gearbeitet, und die Sache soll gewiß durch diesen neuen Anlauf gewinnen. Doch ist sowohl zum polemischen als zum historischen Theil manches studirt, gefunden und disponirt worden, daß wenn der Faden nur wieder einmal angedrillt ist, die Spule schon rasch wie der fortschnurren soll. Haben Sie tausend Dank für die Verwendung in dieser Sache, und zwar für den doppelten Vortheil, den Sie mir bringen: einmal, daß daß Sie etwas leisten und vorwärts führen, was ohne Sie nicht ge schehen wäre; sodann, daß Sie mir eine Vorstellung, einen Be griff von Zuständen geben, von denen ich wohl eine Ahndung aber keine Anschauung hatte. Da Ihre lebhafte Geschäftsthätigkeit durch jedes Hinderniß eine neue Anregung erhält, so entspringt uns ge wiß zuletzt ein Resultat, das uns selbst überrascht. Schon das Interesse der verschiedenen Menschen kennen zu lernen in einer Sache, die uns selbst beschäftigt, ist höchst bedeutend. In wiefern Villers sich der Sache annehmen mag, wird sich zeigen, wenn er sie nä her kennen lernt. Ich meines Theils gestehe gern, daß ich, was die Aus breitung dieser Lehre und Vorstellungsart in Frankreich und also auch in der übrigen Welt betrifft, nunmehr mein ganzes Vertrauen auf Sie setze. Sie machen sich mit den Hauptpuncten gegenwärtig so bekannt, daß der polemische und historische Theil Ihnen in weni gen Wochen gleichfalls angehören wird, und daß Sie aus der Revi sion die bedeutenden Berichtigungen, Erläuterungen und Aufklä rungen geschwind ergreifen und ins Ganze verarbeiten werden. Ich scheue mich gar nicht diese Hoffnungen zu haben, vielmehr freue ich mich, daß Ihre Thätigkeit in der jetzigen Epoche einen Stoff findet, an dem sie sich üben mag, und daß der Stoff, den Sie dessen würdig finden, mich selbst so sehr interessirt und uns beyde in lebhafter Verbindung erhält. Wäre es möglich zu erfahren, was der Straßburger Gelehrte gewollt; es wäre hübsch, wenn man dem auch könnte Gerechtigkeit widerfahren lassen. Denn ganz gewiß hat etwas partiell wahres seine Aufmerksamkeit erregt, das wahrscheinlich durch die Manier solches ans Ganze anzuschließen, den Beurtheilern verwerflich vorgekommen ist. Ihrer Vermuthung wegen der Couleurs complementaires des Hassenfras muß ich beypflichten. Schon die Newtonianer erklären das Phänomen auf diesem Wege. Sie nehmen ad hunc actum drey Farben an: Gelb, Blau und Roth; und wenn eine davon das Auge trifft, so kommen die beyden übrigen gelaufen, um die Gesellschaft voll zu machen. Und doch ist auch schon auf diesem Wege die Tendenz nach Totalität ausgesprochen. Ich danke Ihnen zum voraus für alles das, was Sie durch Ihre Connexionen aus den academischen Registern und Winkeln hervortreiben werden. Die Connexion mit dem Archive litteraire ist von Bedeutung. Es steht ein Aufsatz darin über diejenigen, die wir Akyanobleponten nennen. Recht artig ist es, daß er auch auf die Frage getrieben wird, ob sie das Blaue roth, oder das Rothe blau sehen. Er ist von der letz tern Meynung. Ich könnte, wenn Sie es für gut hielten, eine kurze freund liche Gegenschrift aufsetzen, indem ich das, was ich zur Revision auf gespart hatte, dabey benutze. Man dürfte nur das Dilemma sehr klar auseinander setzen; nicht verheelen auf welche Seite man sich neige; übrigens dem Leser die Freyheit der Wahl lassen und bey der Gelegenheit unser übriges Farbenwesen durchblicken lassen. Wie Cuvier die Sache nehmen wird, kann nicht anders als von Be deutung seyn. Ich weiß, daß er der neuen deutschen Methode bey Be handlung der organischen Natur nicht ganz günstig ist, und daß er da nur Zufälliges erblicken mag, wo wir Gesetzliches zu sehen glau ben. Da nun diese Differenz in der Maxime unendlich ist, so kann man sich auch im Einzelnen, selbst wo man zusammentrifft, nicht vereinigen. Jener andre Freund, der immer Observations und Expériences for dert, würde wohl schwerlich zu überzeugen seyn, daß man den besten Kopf gerade mit Observations und Expériences zum Besten haben kann. Und so möchte man denn auch immerfort eine stille Schadenfreude nähren, daß die Herren des Continents immer noch vor dem übermeerischen insularen Gespenst eine solche tiefe ängstliche Scheu empfinden. Betrachtet man dieses alles, so wie auch die retardirten Berichte der Commissarien, das Zurücknehmen von Aufsätzen u.s.w. mit einem freyen und weltsinnigen Ueberblick; so sieht man denn doch in einen der beschränktesten, bedingtesten und wunderlichsten Zustände hinein. Daß ich das aus der Ferne kann, dafür sey Ihnen wiederhohlt von Herzen Lob und Dank gebracht. Hätte ich mit diesem Blatte nicht gezaudert unsd es in Weimar ge lassen, so käme es früher in Ihre Hände, indem in diesen letzten Tagen die Communication unvermuthet lebhafter geworden. Doch hoffe ich, es soll sich bald eine Gelegenheit finden, und so mögen denn meine besten Grüße und Wünsche zu Ihnen hinüber gehen. Ich sitze hier auf den Trümmern von Jena und suche meine eigenen Trümmer zusammen. Ehe ich von hier weggehe, hoffe ich einige Bogen der pole mischen und historischen Abtheilung des Farbenwesens gedruckt zu sehen. Noch einiges andre hoffe ich fertig und bey Seite zu kriegen und mich soviel als möglich einiger Thätigkeit zu freuen. Leben Sie recht wohl, gedenken Sie mein und lassen mich bald wieder etwas hören. Die Berufung unseres Johannes von Müller nach Paris und das Gerücht von seiner Anstellung im Königreiche Westpfahlen hat viel Sensation gemacht und den guten Deutschen einige Hoffnung über ihren künftigen Zustand gegeben. Was mich betrifft, so mag ich gern erwarten ohne zu Hoffen und bin schon zufrieden wenn ich meinen Tag leidlich und nicht ganz unnütz zubringe. Nochmals meine besten Wünsche aus dem stillsten Winkel Deutschlands in die lebhafte Hauptstadt des Erdbodens. Jena den 16 November 1807. Goethe Ihr festtäglicheriger (Rie mit Bleistift korr.) Brief, mein verehrter Freund, hat auch mir einen Festtag hervorgebracht. Ich mag mich gar zu gern durch Sie nach Paris versetzt sehen, daß (Rie mit Bleistift korr.)s ich wohl in der Wirklichkeit schwerlich betreten werde. Uebrigens ha ben wir alle Ursache unsere innern Familien und FreundesFeyertage recht from zu begehen: denn was die öffentlichen Feyerlichkeiten be trifft, so theilt sich die Welt wahrhaft in eine Tages und Nacht seite, und leider befinden wir uns auf der letzten. Von meinem Befinden, an dem Sie so freundlich Theil nehmen, will ich gleich voraussagen, daß es ganz leid lich ist, daß ich bey einer gleichen Diät mich in einem ziemlich gleichen Zustande erhalte, arbeiten kann und noch mehr thun würde, wenn ich nicht so zerstreut würde durch das Thea ter, das, als ein Repräsentant der Welt, die Rechte seines Urvildes behauptet, und durch Fremde deren mehr oder weniger erwünschte Besuche einen lebhaften Reisezirkel durch mein Haus durchführen. Das chromatische Geschäft, das mir durch Ihre gütige Theilnahme dop pelt interessant wird, habe ich auch wieder angegriffen, aber noch kein Manuscript zum Druck befördern können Nach der langen Pause, und nach unsern Unterhaltungen komme ich an die Sache mit einer Frischheit des Blickes, die mich an dem vorgearbeiteten manches aussetzen läßt. Was zunächst zum Druck bestimmt war habe ich wieder umgearbeitet und die Sache soll gewiß durch diesen neuen Anlauf gewinnen. Doch ist sowohl zum polemischen als zum historischen Theil manches studirt, gefunden und disponirt worden, daß wenn der Faden nur wieder einmal angedrillt ist, die Spule schon rasch wieder fort schnurren soll. Haben Sie tausend Dank für die Verwendung in dieser Sache, und zwar für den doppelten Vortheil den sSie mir bringen. Einmal daß Sie etwas leisten und vorwärts führen, was ohne Sie nicht geschehen wäre; sodann, daß Sie mir eine Vorstellung, einen Begriff von Zu ständen geben, von denen ich wohl eine Ahndung aber keine Anschauung hatte. Da Ihre lebhafte Geschäfts thätigkeit durch jedes Hinderniß eine neue Anregung erhält, so entspringt uns gewiß zuletzt ein Resultat, das uns selbst über rascht. Schon das Interesse der verschiedenen Menschen kennen zu lernen in einer Sache die uns selbst beschäftigt ist höchst bedeutend. Inwiefern Villers sich der Sache an nehmen mag, wird sich zeigen, wenn er sie näher kennen lernt. Was mich betrifft, Ich meines Theils (Rie mit Bleistift am linken Rand erg.) so gestehe ich (Rie mit Bleistift korr.) gern daß ich, was die Ausbreitung dieser Lehre und Vorstellungsart in Frankreich und also auch in der übrigen Welt betrifft, nunmehr mein ganzes Vertrauen auf Sie setze. Sie machen sich mit den Haupt puncten gegenwärtig so bekannt, daß der polemische und historische Theil Ihnen in wenigen Wochen gleichfalls angehören wird, und daß Sie aus der Revision die bedeu tenden Berichtigungen, Erläuterungen und Aufklärungen geschwind ergrei fen und ins Ganze verarbeiten werden. Ich scheue mich gar nicht diese Hoffnungen zu haben, viel mehr freue ich mich, daß Ihre Thä tigkeit in dieerser jetzigen Epoche einen Stoff findet an dem sie sich üben mag, und daß der Stoff, den Sie dessen würdig finden, mich selbst so sehr interessirt und uns beyde in lebhafter Verbindung erhält. Wäre es möglich zu erfahren, was der Straßburger Gelehrte ge wollt; es wäre hübsch wenn man dem auch könnte Gerechtigkeit wie derfahren lassen. Denn ganz gewiß hat etwas partiell wahres seine Aufmerksamkeit erregt, das wahr scheinlich durch die Manier solches ans ganze anzuschließen den Beurtheilern verwerflich vorgekommen ist. Ihrer Vermuthung wegen der couleurs complementaires des Hassenfras muß ich beypflichten. Schon die Newtonianer erklären das Phäno men auf diesem Wege. Sie nehmen ad hunc actum drey Farben an, Gelb, Blau und Roth, und wenn eine davon das Auge trifft, so kommen die beyden übrigen Gelaufen, um die Gesellschaft voll zu machen. Und doch ist auch schon auf diesem Wege die Tendenz nach Totalität ausge sprochen. Ich danke Ihnen zum vor aus für alles das, was Sie durch Ihre Connexion aus den academi schen Registern und Winkeln her vortreiben werden. Die Connexion mit dem Archive literaire ist von Bedeutung. Es steht ein Aufsatz darin über, diejenigen die wir Akyanopbleponten nennen. Recht artig ist es, daß er auch auf die Frage getrieben wird, ob sie das bBlaue roth, oder das Rothe blau sehen. Er ist von der letzten Meynung. Ich könnte, wenn Sie es für gut hielten, eine kurze freundliche Gegenschrift aufsetzen, indem ich das, was ich zur Revision aufgespart hatte, dabey benutze. Man dürfte nur das Dilemma sehr klar auseinandersetzen, nicht verhee len auf weclche Seite man sich neige; übrigens dem Leser die Freyheit der Wahl lassen, und bey der Gelegenheit unsere übriges Farbenwesen durch blicken lassen. Wie Cuvier die Sache nehmen wird kann nicht anders als von Bedeutung seyn Ich weiß, daß er der neuen deutschen Methode bey Behandlung der organi schen Natur nicht ganz günstig ist, und daß er da nur zufälliges erbli cken mag, wo wir gesetzliches zu sehen glauben. Da nun diese Differenz in der Maxime unendlich ist, so kann man sich auch im eEinzelnen, selbst wo man zusammentrifft, nicht verei nigen. Jener andere Freund, der immer observations und experiences fordert würde wohl schwerlich zu überzeugen seyn, daß man den besten Kopf gerade mit observations und expe riences zum besten haben kann; und so möchte man denn auch immer fort eine stille Schadenfreude nähren, daß die Herrn des Continents immer noch vor dem übermeerischesn insularen (Rie mit Bleistift erg.) Gespenste eine solche tiefe ängstliche Scheu empfinden. Betrachtet man dieses alles so wie auch die retardirten Berichte der Commissarien, das Zurücknehmen von Aufsätzen u.s.w. mit einem freyen und welt sinnigem Ueberblick; so sieht man denn doch in deinen der beschränkte sten, bedingtesten und wunderlich sten Zustände hinein; daß ich das aus der Ferne kann, darfür sey Ihnen wiederhohlt von Herzen Lob und Dank gebracht. (Rie mit Bleistift erg.) W. d. 28 Sept. (G mit roter Tinte in der linken Spalte erg.)

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