Normalzeugnis Zeugnis

M. Jacobi an Goethe 3. 8. 1799 (Herting S. 43)

Als ich Sie in meinen früheren Jünglingsjahren zuerst sah, hatte ich nur weniges von Ihren Schriften gelesen, noch wenigeres gefaßt. Eine gewaltige Neigung riß mich zu Ihnen hin; und während Ihre Freundschaft zu meinem Vater mir an Ihrem Herde eine gütige Aufnahme verschaffte, ward in der Folge mein ganzes Wesen durch Ihre liebreiche und edle Behandlung noch inniger an Sie gefesselt. Es war meine Freude und mein Stolz, daß ich selbst Ihnen dies sagen durfte. Ich fühlte es ganz, daß von allen Männern, die ich bisher gesehen hatte, Sie der einzige waren, dem ich mich mit vollem Zutrauen hingeben konnte; und so klein Ihnen auch dies Geschenk meiner Liebe scheinen mochte, so zeigte mir dennoch Ihr ganzes Benehmen gegen mich, daß Sie mich bemerkten, und ich war zufrieden. Kein Tag ist seitdem bis auf den heutigen vergangen, den ich in geringerer oder größerer Entfernung von Ihnen verlebte, wo Ihr Bild mir nicht lebendig vor der Seele geschwebt, und wo ich nicht im Geiste Ihnen dankbar Hände und Stirne geküßt hätte, wie einem zweiten Vater. Denn ich mußte es mir an jedem derselben von neuem sagen, daß ich Ihnen, Ihnen allein, den größten Teil meines besseren Daseins verdankte, und daß es unter Ihren Augen zuerst heller in meiner Seele geworden.

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