Normalzeugnis Zeugnis
Knebel an Herder 7. 11. 1788 (*Düntzer7 3, 44; SB Berlin, PrK Herder XLII 41)
Ich lebe noch immer im alten Jena u. fürchte mich nach Weimar zu gehen, obgleich, wie ich wohl weiß, viel Gutes da ist. Aber es baut u. trägt nichts zusammen, u. kann wohl auch nicht, und das ist denn kein gutes menschliches Leben ...
Göthe ist zuweilen bey mir. Lezt war er verschiedene Tage hier. Er ist nicht wohl fähig eine andere Vorstellungsart aufzunehmen als die seinige, oder er macht jene zu der seinigen. Ich habe seinen dringenden Geist, in allen dessen sich seine Vorstellung bemeistern will, noch wahrer als sonst angestaunt. Die Kunst hat ihn ganz eingenommen; er sieht solche als das Ziel aller menschlichen Erhöhung. Ich kann solches in seiner Seele begreifen, wenn nemlich sinnliche Blüthe für das höchste Daseyn der Menschheit erkannt wird. Er ist gebohren u. gebildet zum Künstler, und nichts kann ihm weiter sonderliche Nahrung geben.
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