Normalzeugnis Zeugnis

K. Ph. Moritz an J. H. Campe 20. 1. 1787 (Eybisch S. 204)

Der Ungenannte, welcher Ihnen von meinem Unfall Nachricht ertheilet hat, ist der Geh. Rath von Göthe aus Weimar, der kurz nach mir hier eintraf, und sich anfänglich unter dem Nahmen Müller hier aufhielt, um unbekannt und ungeniert zu seyn, und es auch in Deutschland nicht wissen zu lassen, daß er hier sey: sein Nahmen blieb aber demohngeachtet nicht lange verschwiegen; jedermann kennt ihn itzt, und di Italiäner haben ihn schon feierlich zum arkadischen Schäfer ernannt, so gern er sich dise Ehre verbeten hätte. Ich machte seine Bekanntschaft ein paar Wochen vorher, ehe ich den Unfall hatte, der mir auf der Rückkehr von einer kleinen Reise nach der Mündung der Tiber, begegnete, wo Göthe und Tischbein nebst noch zweien von der Gesellschaft fuhren, und ich mit noch einem von der Gesellschaft ritt, und, da wir schon in Rom wieder angekommen waren, nicht weit von der Ponte Sixto, wo die Straße mit lauter breiten glatten Steinen gepflastert war, meinem Gefährten zurufe, er soll hier langsam reiten, weil es ein wenig geregnet hatte, und di breiten Steine so glatt wie Eis waren. Kaum hatte ich diß gesagt, so glitschte mein Pferd mit den Vorderfüßen, ich riß es zum zweiten und drittenmal wider in di Höhe, endlich konte es sich nicht länger halten, sondern glitschte mit allen vier Füßen aus, und schlug mit mir auf di linke Seite. Weil es sich gleich wider aufrafte, so hatte ich am Beine nur eine schwache Kontusion bekommen, mit dem linken Oberarm aber war ich an di Erhöhung von einer Mauer gefallen, welche von einem Hause etwas herausgebaut war, und mußte ihn also nothwendig brechen. Es versammleten sich gleich eine Menge von Menschen um mich herum, di mich alle bedauerten: und ich wurde sogleich auf einen Lehnstuhl gesetzt, und unter einem Gefolge von lauter bemitleidenden Menschen, den ganzen Korso hinunter, nach der Strada Babuina, wo ich wohne zu Hause getragen. Das Mitleiden der Italiäner äußert sich vorzüglich bei solchen Unfällen, wo sie sehen, daß jemand Schmerzen leidet, und ein Armbruch macht daher bei Ihnen weit mehr Sensation, als wenn jemand auf der Straße ermordet wird; denn das ist eine ganz gewöhnliche Sache, und der Todte, denken sie, leidet auch keine Schmerzen mehr. – Was nun während den vierzig Tagen, die ich unter fast unaufhörlichen Schmerzen unbeweglich auf einem Fleck habe liegen müssen, der edle menschenfreundliche Göthe für mich gethan hat, kann ich ihm nie verdanken, wenigstens aber werde ich es nie vergessen; er ist mir in diser fürchterlichen Lage, wo sich oft alles zusammenhäufte, um di unsäglichen Schmerzen, di ich litt, noch zu vermehren, und meinen Zustand zugleich gefahrvoll und trostloß zu machen, alles gewesen, was ein Mensch einem Menschen nur seyn kann. Täglich hat er mich mehr als einmal besucht, und mehrere Nächte bei mir gewacht; um alle Kleinigkeiten di zu meiner Hülfe und Erleichtrung dienen konnten, ist er unaufhörlich besorgt gewesen, und hat alles hervorgesucht, was nur irgend dazu abzwecken konnte, mich bei guten Muthe zu erhalten. Und wie oft, wenn ich unter meinem Schmerz erligen und verzagen wollte, habe ich in seiner Gegenwart wieder neuen Muth gefaßt, und weil ich gern standhaft vor ihm erscheinen wollte, bin ich oft dadurch wirklich standhaft geworden. Er lenkte zugleich den guten Willen meiner hiesigen deutschen Landsleute, deren itzt eine starke Anzahl ist, und deren freundschaftliches Betragen gegen mich mir auch nie aus dem Gedächtniß kommen wird. Sie waren den andren Tag fast alle bei mir; sie erboten sich alle bei mir zu wachen. Göthe liß sie losen, wie sie der Reihe nach bei mir wachen sollten; und sogleich waren alle Nächte besetzt, so daß es an jeden nur ein parmal kam, und dann liß er andre zwölf um die Stunden am Tage losen, so daß jeder den Tag über eine Stunde bei mir bleiben sollte, damit ich immer abwechslende Gesellschaft hätte. Alle waren sogleich willig, und so waren auch di Stunden am Tage besetzt, und wurden alle richtig gehalten. – Selbst di Leute, bei denen ich wohne, waren durch dise Liebe und Freundschaft so viler Menschen gegen einen ihrer leidenden Brüder gerührt, und folgten dem Beispil, indem sie mir di ganzen vierzig Tage hindurch, ohne Murren, und mit der größten Bereitwilligkeit, di beschwerlichsten Dienste leisteten, die ein Mensch, der unbeweglich auf einem Fleck ligen muß, bedarf. – Diß alles zusammengenommne flößte mir zuletzt wieder eine Art von Zutrauen gegen mein Geschick ein: ich dachte: es drückt mich zwar nieder, aber es will mich doch nicht sinken lassen! ... Seit sechs Tagen ist mir alles, was ich gelitten habe, nur noch wie im Traum: denn mein Arm ist glücklich geheilt ... Ich kann allenthalben wieder umhergehen.

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