Tagebucheintrag
Reisetagebuch Italien 1786, 16. September 1786
d. 16. Sept.
Nach und nach find ich mich. Ich lasse alles ganz sachte werdenund bald werd ich mich von dem Sprung über die Gebirge erhohlthaben. Ich gehe nach meiner Gewohnheit nur so herum,sehe alles still an, und empfange und behalte einen schönen Eindruck.
Nun eins nach dem andern.
Das Amphiteater.
Das erste Monument der alten Zeit, das ich sehe und das sich sogut erhalten hat, so gut erhalten worden ist. Ein Buch das nachkommt, enthält gute Vorstellungen davon.
Wenn man hineintritt, oder oben auf dem Rande steht ist es einsonderbarer Eindruck, etwas Groses und doch eigentlich nichtszu sehn. Auch will es leer nicht gesehn seyn, sondern ganz vollMenschen, wie es der Kayser und der Papst gesehen haben.
Doch nur damals that es seine Würckung da das Volck nochmehr Volck war als es ietzt ist. Denn eigentlich ist so ein Amphitheaterrecht gemacht dem Volck mit sich selbst zu imponiren,das Volck mit sich selbst zum Besten zu haben.
Wenn irgend etwas auf flacher Erde vorgeht und alles zuläuft, suchen die hintersten auf alle mögliche Weise sich über dievordersten zu erheben, man rollt Fässer herbey, fährt mit Wagenheran, legt Bretter herüber und hinüber, stellt wieder Bänckehinauf, man besetzt einen be benachbarten Hügel und es bildetsich in der Geschwindigkeit ein Crater. Kommt das Schauspiel, es sey ein Kampf pp offt an derselben stelle vor, baut manleichte Gerüste an einer Seite für die, so bezahlen können unddas Volck behilft sich wie es mag.
Dieses allgemeine Bedürfniß hat der Architeckt zum Gegenstand,er bereitet einen solchen Crater durch die Kunst, so einfach als nur möglich und dessen Zierrath das Volck selbst ist.Wie ich oben sagte, wenn es sich so beysammengesehen hat,muß es über sich selbst erstaunt seyn. Da es sonst nur gewohntist sich durch einander laufen zu sehn, sich in einem Gewühlohne Ordnung und ohne sonderliche Zucht zu sehn, sieht das vielköpfige, vielsinnige, schwanckende, schwebende Thier sichzu Einem Ganzen vereinicht, zu Einer Einheit gestimmt, in Eine Masse verbunden, und befestigt und zu einer Form gleichsamvon Einem Geiste belebt. Die Simplicität des Ovals ist iedemAuge auf die angenehmste Weise fühlbar und ieder Kopf dient zum Maase wie gros das Ganze ist. Jetzt wenn man es leer sieht,hat man keinen Maasstab, man weis nicht ob es gros oder kleinist.
Da es von einem mit der Zeit verwitternden Marmor gebaut ist,wird es gut unter halten.
Uber folgende Punckte mündlich.
Stück der äussern Mauer.
Ob sie ganz umhergegangen?
Gewölbe rings umher an Handwercker vermiethet das Gewölbjährlich um 20–30 f.
Ballon
Als ich von der Arena |: so nennen sie das Amphiteater :| wegging,kam ich einige Tausend Schritte davon, auch zu einemöffentlichen Schauspiele. Vier edle Veroneser schlugen Ball gegen vier Fremde. Sie thun es das ganze Jahr unter sich, etwa 2Stunden vor Nacht. Diesmal weil Fremde die Gegner waren, liefdas Volck unglaublich zu es können immer 4–5000 Männer,|: Frauen sah ich von keinem Stande :| Zuschauer gewesen seyn.Oben, als ich vom Bedürfniß der Zuschauer sprach, wenn ein Schauspiel auf flacher Erde vorgeht, hab ich das natürliche undzufällige Amphitheater schon beschrieben, auf dem ich hier dasVolck übereinander gebaut sah. Ein lebhafftes Händeklatschenlies sich schon von weiten hören, jeder bedeutende Schlag warddavon begleitet. Das übrige mündlich.
Porta Stupa oder del Palio.
Das schönste, immer geschlossne Thor; Wenn man auf etlichehundert Schritte davonkommt, erkennt man es erst für ein schönesGebäude. Als thor aber und für die grose Entfernung in deres zu sehn ist, ist es nicht gut gedacht.
Sie geben allerley Ursachen an warum es geschlossen ist, ichhabe eine Muthmasung. Die Absicht des Künstlers war offenbardurch dieses Thor eine neue Anlage des Corso zu verursachen, denn auf die ietzige Strase steht es ganz falsch; die lincke Seitehat lauter Barracken aber die winckelrechte Linie der Mitte geht auf ein Nonnenkloster zu, das nothwendig hatte müssen niedergelegtwerden, man sah das wohl ein, auch hatten die Nobili nicht Lust sich dorthin anzubauen, der Künstler starb vielleichtund so schloß man das Thor damit der Sache auf einmal einEnde war.
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Nun ein Wort was auf die Wercke der Alten überhaupt geltenmag.
Der Künstler hatte einen grosen Gedancken auszuführen, eingroses Bedürfniß zu befriedigen, oder auch nur einen wahren Gedancken auszuführen und er konnte gros und wahr in derAusführung seyn wenn er der rechte Künstler war. Aber wenndas Bedürfniß klein, wenn der Grundgedancke unwahr ist, waswill der grose Künstler dabey und was will er daraus machen? erzerarbeitet sich den kleinen Gegenstand gros zu behandeln, und es wird was, aber ein Ungeheuer, dem man seine Abkunft immeranmerckt.
NB Diese Anmerckung steht zufällig hier, und hat mit demvorstehenden keinen Zusammenhang.
Theater und Museum.
Das Portal des Theater Gebäudes von 6 Jonischen Säulen ist grosund schön. Uber der Thüre, zwischen den zwey mittelsten Säulendurch, erblickt man das marmorne Brustbild des Maffei, voreiner gemahlten Nische, die von zwey gemahlten CorinthischenSäulen getragen wird. Daß Maffei die Büste bey seinem Leben wieder wegnehmen lies, schreibe ich lieber seinem guten Geschmackals seiner Bescheidenheit zu, denn die Büste gehörtnicht dahin und es gehört keines Menschen Büste dahin, undnoch dazu nicht in der Mauer sondern angekleckt, und mit einergrosen Perrücke. Hätte er sich nur einen guten Platz in den Sälen wo die Philharmoniker gemahlt hängen ausgesucht undseine Freunde veranlaßt daß sie nach seinem Tod das Bild dahingestellt; so wäre für den guten Geschmack gesorgt gewesen undes sähe auch republikanischer aus.
Hätte man es aber ja thun wollen; so hatte man der Thüre nicht eine gemahlte Säulen Verzierung sondern eine solide Einfassunggeben, die Nische in die Mauer einbrechen, die Perrücke weglassenund die Büste Colossalisch machen müssen, und mit allemdem zweifl’ ich daß man diese Partie zu einer Ubereinstimmungmit den grosen Säulen würde gezwungen haben. Doch diese Harmonie scheint die Herrn Philarmoniker nicht sehr zu rühren.
So ist auch die Gallerie die den Vorhof einfaßt kleinlich undnehmen sich die kannelirten Dorischen Zwerge neben den glatten Jonischen Riesen armselig aus. Doch wollen wir das verzeihen in Betrachtung des schönen Instituts das diese Galerien deken, und indem wir bedencken daß es mit der Architecktur einegar sonderbare Sache ist, wenn nicht ungeheure Kosten zu wenigemGebrauch verwendet werden; so kann sie gar nichts machen.Davon in der Folge mehr.
Jetzt wieder zu den Antiquitäten die unter den Galerien aufbewahrtsind.
Es sind meist Basreliefs, die auch meist in der Gegend von Veronagefunden worden |: ia sie sagen sogar in der Arena :| das ichdoch nicht begreife. Es sind Etrurische, Griechische, Römische von den niedern Zeiten und neuere.
Die Basreliefs in die Mauer eingemauert und mit den Numernversehn welche sie in dem Wercke des Maffei haben, der siebeschrieb. Altäre, Stücke von Säulen p stehn in den Interkolumnien.
Es sind sehr gute treffliche Sachen drunter und auch das wenigergute zeugt von einem herrlichen Zeitalter. Der Wind, dervon den Gräbern der Alten herweht, kommt mit Wohlgerüchenwie über einen Rosenhügel.
Ein ganz trefflicher Altar Dreyfuß von weißem Marmor steht da, worauf Genii sind, die Raphael in den Zwickeln der Geschichteder Psyche nachgeahmt und verklärt hat. Ich erkanntesie gleich. Und die Grabmähler sind herzlich und rührend. Daist ein Mann der neben seiner Frauen aus einer Nische wie zueinem Fenster heraus, da steht Vater und Mutter den Sohn in der Mitte und sehn einander mit unaussprechlicher Natürlichkeitan, da reichen ein Paar einander die Hände. Da scheint einVater von seiner Familie auf dem Sterbebette liegend ruhigenAbschied zu nehmen. Wir wollen die Kupfer zusammen durchgehn.
Mir war die Gegenwart der Steine höchstrührend daß ich michder Trähnen nicht enthalten konnte. Hier ist kein geharnischterMann auf den Knien, der einer fröhligen Auferstehung wartet, hier hat der Künstler mit mehr oder weniger Geschick immernur die einfache Gegenwart der Menschen hingestellt, ihre Existenz dadurch fortgesetzt und bleibend gemacht. Sie falten nichtdie Hände zusammen, schauen nicht gen Himmel; sondern siesind was sie waren, sie stehn beysammen, sie nehmen Anteil an einander, sie lieben sich, und das ist in den Steinen offt mit einergewissen Handwercksunfähigkeit allerliebst ausgedrückt.
Die Kupfer nehmen das offt weg, sie verschönern, aber der Geistverfliegt. Der bekannte Diomed mit dem Palladio, ist in Bronzesehr schön hier.
Bey den Grabmälern hab ich viel an Herdern gedacht. Uberhauptmögt ich ihn bey mir haben.
Auch steht ein verzierter Pfeiler von weisem Marmor da, sehrreich und von gutem Geschmack.
An alle diese Dinge gewöhnt mein Aug sich erst, ich schreibe nur hin wie mir jedes auffällt.
Morgen seh ichs noch einmal und sage dir noch einige Worte.
Dom
Der Titian ist sehr verschwärzt und soll das Gemählde von seinergeringsten Zeit seyn.
Der Gedanke gefällt mir daß er die Himmelfahrende Maria nicht hinaufwärts sondern nach ihren Freunden niederwärtsblicken läßt.
St. Giorgio.
Eine Gallerie von guten Gemählden. Alle Altarblätter wo nicht gleich doch alle merckwürdig.
Aber die unglückseeligen Künstler was mußten sie mahlen? undfür wen.
Ein Mannaregen 30 Fus vielleicht lang und 20 hoch, das Wunderder 5 Brodte zum Pendant. Was war Daran zu mahlen. Hungrige Menschen die über kleine Körner herfallen, unzählicheandre denen Brod präsentirt wird. Die Künstler haben sichdie Folter gegeben um solche Armseeligkeiten nur einiger massenBedeutend zu machen.
Einer der die Hl. Ursula mit den 11/m Jungfr auf ein Altarblat zu mahlen hatte, hat sich mit grosem Verstand aus derSache gezogen. Die Gestalt der Hl. Ursula hat was sonderbariungfräuliches ohne Reitz.
Ich endigte nicht drum laß uns weiter gehn.
Menschen.
Man sieht das Volck sich durch aus hier rühren und in einigenStrasen wo Kaufmannsläden und Handwercks Boutiqun an einander sind, sieht es recht lustig aus. Denn da ist nicht etwa eineThüre in den Laden oder das Arbeitszimmer, nein die ganzeBreite des Hauses ist offen, man sieht alles was drinne vorgeht,die Schneider nehen, die Schuster arbeiten alle halb auf derGasse. Die Boutiquen machen einen Theil der Gasse. Abends wenn Lichter brennen siehts recht lebendig.
Auf den Plätzen ists an Marcktägen sehr voll. Gemüs und Früchteunübersehlich. Knoblauch und Zwiebeln nach Herzenslust.Ubrigens schreyen singen und schäckern sie den ganzen Tag,balgen sich, werfen sich, jauchzen und lachen unaufhörlich.
Der milde Himmel, die bequeme Nahrung läßt sie leicht leben,alles was nur kann ist unter freyem Himmel. Nachts geht nundas singen und lärmen recht an. Den Malbourouh hört man aufallen Strasen. Dann ein Hakbret, eine Violin, sie üben sich alleVögel mit Pfeifen nachzumachen, man hört Töne von denen man keinen Begriff hat. Ein solches Vorgefühl seines Daseynsgiebt ein mildes Clima auch der Armuth und macht den Schattendes Volcks selbst noch respecktabel.
Die Unreinlichkeit und wenige Bequemlichkeit der Häuserkommt daher. In ihrer Sorglosigkeit dencken sie an nichts. Dem Volck ist alles gut, der Mittelman lebt auch vom Tag zum andernfort, der Reiche und Vornehme allein kann darauf halten. Dochweis ich nicht wie es im Innern ihrer Palazzi aussieht. Die Vorhöfe,Säulengänge p sind alle mit Unrath besudelt und das istganz natürlich, man muß nur wieder vom Volck herauf steigen. Das Volck fühlt sich immer vor. Der Reiche kann reich seyn,Palläste bauen, der Nobile darf regiren, aber wenn er einenSäulengang, einen Vorhof anlegt, so bedient sich das Volck dessenzu seinem Bedürfniß und das hat kein dringenderes als dasso schnell als möglich loszuwerden was es so häuffig als möglich zu sich genommen hat.
Will einer das nicht haben; so muß er nicht den Grosen Herrenspielen; das heist: er muß nicht thun als wenn ein Theil seinerWohnung dem Publiko zugehöre, er muß seine Thüre zumachenund dann ists gut. An öffentlichen Gebäuden läßt sich das Volcksein Recht nicht nehmen. Und so gehts durch ganz Italien.
Noch eine Betrachtung die man nicht leicht macht –
Und indessen ist das Abendessen gekommen und ich fühle michmüd und ausgeschrieben, denn ich habe den ganzen Tag dieFeder in der Hand. Ich muß nun die Iphigenie selbst abschreiben, und diese Blätter dir zubereiten. Diesmal gute Nacht meine Beste. Morgen oder wann der Geist will meine Betrachtung.
d 16. Sept 86. Abends 10 Uhr.
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