Normalzeugnis Zeugnis
Böttiger, Memorabilie über J. H. Voß’ Besuch in Weimar 1794 (*Morgenblatt 9. 8. 1857, S. 761; LB Dresden)
Den 6ten Juny waren wir Mittags bey Göthe zusammen. Beinahe während der ganzen Mahlzeit sprach Göthe mit einer von mir an ihm noch nie beobachteten Heftigkeit gegen Lavater, den er für den studiertesten Heuchler und Bösewicht erklärte, aber seiner unendlichen Kunst, allen alles zu werden, völlige Gerechtigkeit widerfahren ließ. Anecdote von Hottinger und der Fürstin v. Dessau. Lavater schenkte Hottinger, seinem abgesagtesten Gegner, ein Halstuch, das auf der Fürstin Busen geruht hatte, u. von ihren Thränen benetzt war, um den jungen Hottinger durch Sinlichkeit zu fesseln. Göthe antwortet Lavatern nie, ohngeachtet dieser durch Grobheiten Antworten erzwingen will, u. ließ sich vor ihm in Maynz verleugnen. Warum er überal seinen Namen einkritzle? In Frankfurt zerbrach Göthe bei seiner Mutter viele Scheiben u. Spiegel, wo überal Lavater sein Gedächtnis gestiftet hatte. Wieland, der seit Lavater mit Reinhold bei ihm war, immer Lavaters Partie nahm, u. ihn auch jetzt noch zu Anfange vertheidigte, wurde durch das alles, was Göthe sagte, so aufgebracht, daß er sich selbst ausschalt, weil er zeither den Fremden, gegen die er Lavater lobprieß, so viel Aergerniß gegeben habe. Voß, der auch viel Unwillen gegen Lavater zeigte, erzählte, Lavater habe in Copenhagen und überal im Holsteinischen mit großer Selbstgefälligkeit erzählt, als er mit Reinhold u. Wieland zu Tische gesessen, da hätten die Dichtkunst, Philosophie u. Schwärmerei Tischgenossenschaft gemacht.
Auf Schütz in Jena war Voß sehr unwillig, u. glaubte er begünstige die Heynische Partei zu sehr. Auch habe er ihn, da er auf Schützes vorhergegangene Auffoderung sich wirklich zu Rezensio im Fache der deutschen Poesie z. B. über Ramlers Hexametrie von Geßner, sich erboten habe, keiner Antwort gewürdigt, u. auch seitdem nicht wieder geschrieben.
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