Brief

Von Karl Friedrich Reinhard (9. August 1807)

Seit vier Tagen sei R. (mit seiner Frau) in Weimar und erst jetzt, da C. von Goethe an G. schreibe, löse er sein Versprechen ein. Ich widme Ihnen diese Stunde vor Mitternacht; es ist die Stunde der Andacht und ich bin voll von Ihnen. In Leipzig habe er G.s "Tasso" gesehen. Entgegen der in Karlsbad geäußerten Meinung urteilt R.: Tasso hat die Bühne vollkommen und mit dem höchsten Interesse ausgefüllt. R. erinnere sich keines ähnlichen Genuses durch ein Schauspiel. G. sei der Einzige, der in dieser Art etwas geschaffen habe, das sich den Franzosen gegenüberstellen läst. [...] Warum ist Weimar nicht als die Schule des deutschen Theaters anerkannt? Über die Schauspieler A. Wolff, H. Beker und J. S. F. Petersilie. - In Weimar habe R. nichts als Erfreuliches und Zuvorkommendes erfahren. Erwähnung des Herzogs und des Kammerherrn von Sch. (? L. von Schardt). Die Herzogin und K. von Wolzogen hätten bei R. eine auffallende Ähnlichkeit mit Schillern bemerkt; G.s Frau und Meyer verdanke er den Anblick von G.s Kunstschätzen, Bekanntschaft u.a. mit Wieland, Falk, (F. J. oder K.) Bertuch, Voigt; C. von Schiller sei abwesend (vgl. RA 5, Nr. 686). - Reflexionen über sein bisheriges Leben: Die Nation, unter der ich lebte, verdekte mir die übrige Welt [...]. Ich erschien mir in jedem Sinn als ein Mensch ohne Vaterland. Niedergeschlagenheit angesichts der gegen ihn gerichteten Verleumdungen. Was meinem Schiksal jene bizarre Wendung gab, darüber mus ich schweigen. Ein Gespräch mit Falk habe ihn überzeugt, wie leicht Menschen die viel in der Idee leben, die Idee da voraussezen, wo blos Abstraktions-Vermögen des Verstandes ist. Befürchtung, daß Deutschland blos als ein weiter Tummelplatz zwischen Frankreich und Rusland erscheint. - Von Villers hab ich noch keine Antwort; sie werde wohl über S. Reimarus kommen (vgl. RA 5, Nr. 701).

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