Tagebucheintrag

Reisetagebuch Italien 1786, 22. September 1786

d. 22ten S. Noch immer in Vicenz und wohl noch einige Tage hier. Wennich ganz meinem Geiste folgen dürfte, legt ich mich einen Monathierher, machte bey dem alten Scamozzi einen schnellen Lauf der Architecktur und ging dann wohl ausgestattet weiter.Das ist aber für meinen Plan zu ausführlich und wir wollenehstens wieder fort. Heute früh war ich in Tiene das nordwärts gegen das Gebirge liegt und wo ein neu Gebäude nach einem alten Riße aufgeführt wird, ein trefflich Werck, bis auf weniges was ich zu erinnernhabe. Es liegt ganz trefflich, in einer grosen Plaine, die KalckAlpen ohne zwischen Gebirg hinter sich. Vom Schlosse her ander graden Chaussee hin, fliest zu beyden Seiten lebendigesWasser und wässert die weiten Reisfelder durch die man fährt. Heut Abend war ich in einer Versammlung welche die Akademieder Olympier hielt. Ein Spielwerck aber ein recht gutes, eserhält noch ein Bißchen Salz und Leben unter den Leuten. Der Saal ist neben dem Theater des Palladius, anständig, wohlerleuchtet der Capitan und ein Theil des Adels war zugegen. Ubrigens ein Publicum von den obern Ständen, viele Geistliche,ohngefähr 500. Der Präsident hatte die Frage aufgegeben: ob Erfindung oder Nachahmung den schönen Künsten mehr Vortheilgebracht habe? Du siehst daß wenn man die beyden trennt und so fragt, man hundert Jahre hinüber und herüberreden kann. Auch haben sich die H. Akademiker dieser Gelegenheitweidlich bedient und in Prosa und Versen mancherleyvorgebracht, worunter viel Guts war. Und überhaupt es ist dochein lebendig Publikum. Die Zuhörer riefen Bravo, klatschten, lachten. Wenn das meine Nation und meine Sprache wäre ichwollte sie toll machen. Du kannst denken daß Palladio an allen Ecken war, und einerhatte den guten Einfall zu sagen die andern hätten ihm denPalladio weggenommen er wolle den Franceschini loben |: ein groser Seidenfabrikant :| und fing nun an zu zeigen was die Nachahmung der Lioner und Florentiner Stoffe ihm und Vicenzfür Vortheile gebracht habe. Du kannst denken daß es vielGelächter gab. Uberhaupt fanden die, die für die Nachahmung sprachen, mehrBeyfall denn sie sagten lauter Dinge die der Haufe denkt unddenken kann. ob sie gleich der schwächere Theil waren. Einmalgab das Publikum, mit grosem Hände klatschen, einem rechtgroben Sophism seinen herzlichen Beyfall. Einer der für die Erfindung sprach sagte recht gute Sachen, die aber grad nicht sentirt wurden. Mich freut es sehr auch das gesehen zu haben.Es geht mir alles gut. und den Palladio nach soviel zeit vonseinen Landsleuten wie einen Stern verehrt zu sehn ist dochschön pp. Viel Gedancken darüber mündlich Ich habe nun erst die zwey Italiänischen Städte gesehn, Töchter Städte |: um nicht zu sagen Provinz Stadte :| und habe nochfast mit keinem Menschen gesprochen aber ich kenne meineItaliäner schon gut. Sie sind wie die Hofleute, die sich fürs ersteVolck der Welt halten und bey gewißen Vortheilen die sie haben, sichs ungestraft und bequem einbilden können. Uberhaupt abereine recht gute Nation, man muß nur die Kinder und die gemeinenLeute sehn, wie ich sie jetzt sehe und sehen kann, da ichihnen immer exponirt bin und mich ihnen exponire. Wenn ich zurückkomme sollst du die besten Schilderungen haben. Und was das für Figuren für Gesichter sind. Ich war lang willens Verona oder Vicenz dem Mignon zum Vaterland zu geben. Aber es ist ohne allen Zweifel Vicenz, ich mußauch darum einige Tage länger hier bleiben. Lebe wohl. Ichsudle heut Abend wild, aber es ist besser etwas als nichts. Federn und Dinte und alles ist strudelich.

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