Normalzeugnis Zeugnis

W. v. Humboldt an F. A. Wolf 31. 3. 1797 (Humboldt, Werke 5, 189)

Sie erhalten hier wieder ein reichliches Stück Agamemnon ... Göthe ist, wie ich aus vielfältigen Aeußerungen gegen mich und Andere und aus dem großen Interesse, das er daran nimmt, da er sich ganz eigentlich und täglich damit beschäftigt, mit der Arbeit im Ganzen sogar sehr zufrieden. Er macht nur einzelne Bemerkungen ganz eigner Art, die ich Ihnen zum Theil mittheilen kann. Er ermuntert mich nicht nur den Agamemnon zu endigen, sondern auch ein Stück des Sophokles, eins des Euripides und eins des Aristophanes, alle charakteristisch gewählt, nachfolgen zu lassen. Alle Sie zusammen scheinen den Versbau, meine sauerste Arbeit, und meiner Meinung nach auch meine verdienstvollste, gar nicht sonderlich zu achten. Schiller fehlt es an Kenntniß, er rechnet mir vieles darin noch als Schuld an. Sie haben Sich nicht darüber geäußert. Göthe scheint ihn zu fühlen und zu billigen; aber zum Beurtheilen fehlts ihm an Kenntniß ... So weit mein Bericht. Wie ich mich nun selbst zu diesen Urtheilen stelle? Fürs erste halte ich schon a priori den Tadel für gegründeter, als das Lob. Göthes Beifall ist mir aus mancherlei Gründen weniger erfreulich. Er findet sich durch meine Uebersetzung beim Lesen des Originals erleichtert, dafür ist er dankbar, und so lobt er leichter.

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