Tagebucheintrag

Reisetagebuch Italien 1786, 17. September 1786

d 17. Abends Wenn nur gleich alles von diesem Tage auf dem Papier stünde esist 8 Uhr |: una dopo notte :| und ich habe mich müde gelaufen, nun geschwind alles wie es kommen will. Heute bin ich ganz unbemerkt durch die Stadt und auf dem Bra gegangen. Ich sah mir ab, wie sich ein gewisser Mittelstand hierträgt und lies mich völlig so kleiden. Ich hab einen unsäglichenSpas daran. Nun mach ich ihnen auch ihre Manieren nach. Sie schleudern Z. E. alle im Gehn mit den Armen. Leute von gewissemStande nur mit dem rechten weil sie den Degen tragenund also die lincke stille zu halten gewohnt sind, andere mitbeyden Armen. u. s. w. Es ist unglaublich was das Volck auf etwas fremdes ein Auge hat. Daß sie die ersten Tage meine Stiefeln nicht verdauen konnten,da man sie als eine theure Tracht, nicht einmal im Winter trägt;aber daß ihnen heut früh da sie alle mit Blumen, Knoblauch ppdurcheinander liefen ein Cypressenzweig nicht entging, den ichin dem Garten genommen hatte und den mein Begleiter in der Hand trug, |: es hingen einige grüne Zapfen dran und er hattenoch ein Capern Zweigelgen dabey die an der Stadt mauerwachsen :| das frappirte mich. Sie sahen alle Grose und Kleineihm auf die Finger und hatten ihre Gedancken. Diese Zweige bracht ich aus dem Garten Giusti der eine treffliche Lage und ungeheure Cypressen hat die alle Nadelförmig indie Luft stehn. |: die Taxus der Nordlichen Gärtnerey spitz zugeschnitten sind nachahmung dieses schönen Naturproduckts :|Ein Baum dessen Zweige von unten bis oben, dessen ältesterZweig wie der iüngste gen Himmel strebt, der seine 300 Jahredauert, |: nach der Anlage des Gartens sollen sie älter seyn :| ist wohl einer Verehrung wehrt. Sie sind noch meist von unten auf grün und es wärens mehrerewenn man dem Epheu der viele umfaßt hält und die unternZweige erstickt, früher gesteuert hätte. Ich fand Capern an der Mauer herab hängend blühen, und eine schöne Mimosa. Lorbern in den Hecken pp. Die Anlage des Gartens ist mittelmäsich und gegen den Berg andem er hinauf steigt kleinlich. Die Cypressen balanziren alleinnoch die Felsen. Davon einander mal wenn von andern Gärtendie Rede seyn wird. Ich sah die Fiera die ein würcklich schönes Institut. Dann die Gallerie des Pall. Gherhardini, wo sehr schöne Sachenvon Orbetto sind. In der Entfernung lernt man wemige Meisterofft die nur dem Nahmen nach kennen, wenn man nun diesemSternenhimmel näher tritt und nun die von der zweyten und dritten Gröse auch zu flimmern anfangen und ieder auch ein Stern ist, dann wird die Welt weit und die Kunst reich. Nur sinddie Mahler mit ihren Sujets oft unglücklich. Und die Stücke mitmehrern Personen gerathen so selten. Die beste Compositionfand ich hier: einen entschlafnen Simson im Schoos der Delila die eben leise nach der Scheere hinübergreift. Der Gedanckeund die Ausführung sind sehr brav. Andres verschweig ich. Im Pall. Canossa fiel mir eine Danae auf die ich hier nur bemerke.Schöne Fische vom Bolka. Ich ging noch einmal ins Museum. Was ich von der Colonnade, von der Büste des Maffei pp gesagt, bedarf einiger Einschränkung. Von den Antiken sag ich nichts; sie sind in Kupfer gestochen, wenn ich sie wieder sehe fällt mir alles wieder ein. Der schöne Dreyfuß geht leider zu Grunde, er ist der Abendsonne und dem Abendwinde ausgesezt wenn sie nur ein hölzern Futteral drübersetzten. Der angefangne Pallast des Proveditor hätte ein schön StückBaukunst gegeben wenn er fertig geworden wäre. Sonst bauen die Nobili noch viel leider ieder auf dem Plaz wosein Pallazzo schon steht also oft in engen Gassen. So wird iezteine prächtige Facade eines Seminarii gebaut in einen Gäßgen der entfernten Vorstadt. Diesen Abend ging ich wieder ins Amphitheater. Ich muß erstmein Auge bilden, mich zu sehen gewöhnen. Es bekräfftigte sichmir was ich des erstemal sagte. Auch müssen die Veronenserwegen der Unterhaltung gelobt werden. Die Stufen oder Sitze scheinen fast alle neu. Eine Inschrift gedenckt eines HieronymusMaurigenus und seines unglaublichen Fleißes mit Ehren. Ich ging auf der Kante des Craters auf der obersten Stufe beySonnen Untergang herum die Nacht |: Notte, die 24ste Stunde :|erwartend. Ich war ganz allein und unten auf den breiten Steinen des Bra gingen Mengen von Menschen, Männer von allenStänden, Weiber vom Mittelstande spazieren. Hier ein Wort vom Zendale den sie tragen und der Veste. DieseTracht ist recht eingerichtet für ein Volk das nicht immer reinlichseyn mögte und doch offt öffentlich erscheinen, bald in der Kirche bald auf dem Spaziergang seyn will. Veste ist ein schwarzerTafftener Rock der über andre Röcke geworfen wird. Hat dasFrauenzimmer einen reinlichen |: meist weißen :| darunter; soweiß sie den schwarzen an einer Seite in die Höhe zu heben.Dieser schwarze Rock wird so angethan daß er die Taille abscheidet und die Lizzen des Corsets bedeckt. Das Corsett ist vonjeglicher Farbe. Der Zendale ist eine grose Kappe mit langen Bärten, die Kappe halten sie mit einer Maschine von Drätenhoch über den Kopf und die Bärte werden wie eine Schärpe umden Leib hinterwärts geknüpft und fallen die Enden hinten hinunter. Casa Bevi l’aqua. Schöne, treffliche Sachen. Ein Paradies oder von Tintoret vielmehr die Krönung Mariä zurHimmelsköniginn in Gegenwart aller Erzväter, Propheten, Heiligen, Engel pp. ein unsinniger Gedancke mit dem schönstenGenie ausgeführt. Eine Leichtigkeit von Pinsel, ein Geist, einReichthum im Ausdruck, den zu bewundern und dessen sich zufreuen man das Stück selbst besitzen müßte, denn die Arbeit geht, man darf wohl sagen in’s unendliche, und die lezten Engelskopfehaben einen Charackter, die grösten Figuren mögeneinen Fus gros seyn, Maria und Christus der ihr die Krone aufsetztmögen ohngefahr 4 Zoll haben. Die Eva ist doch das schönsteWeibgen auf dem Bilde und noch immer von Alters her ein wenich lüstern. Ein Paar Portraits von Paolo Veronese haben meine Hochachtungfür diesen Künstler nur vermehrt. Die Anticken sind schön. Ein Endymion gefiel mir sehr wohl.Die Büsten die meist restaurirte Nasen haben sehr interessant. Ein August mit der Corona civica. Ein Caligula pp. Uhr Damit dir die italiänische Uhr leicht begreiflich werde hab ichgegenüberstehendes Bild erdacht. Vergleichungs Kreis der italiänischen und teutschen Uhr auch der ital. Zeiger für die zweyte Hälfte des Septembers. 〈Hier eine Zeichnung, siehe Digitalisat〉 Die Nacht wächst mit jedem halbenMonat eine halbe Stunde. Der Tag wächst m. jed. halb. M. eine halbe Stunde Monat. Tag. Wird Nachtnach unsermZeiger ist Mittern. alsdannum Mon. Tag. Wird Nachtnach unsernZeiger ist Mitternachtaldannum: Aug. 1. 8 ½ 3 ½ Febr 1. 5 ½ 6 ½ — 15. 8. 4 — 15 6. 6. Sept. 1 7 ½ 4 ½ März 1. 6 ½ 5 ½ — 15 7. 5. — 15. 7. 5. Octb. 1 6 ½ 5 ½ Apr. 1. 7 ½ 4 ½ — 15 6. 6 — 15. 8. 4. Nov. 1 5 ½ 6 ½ May 1 8 ½ 3 ½ — 15. 5 7. — 15 9. 3. Von da an bleibt die Zeitstehen und istNacht. Von da bleibt die Zeitstehen und istNacht Mitternacht Mitternacht Dezemb ⎫ Juni ⎫ ⎬ 5. 7. ⎬ 9. 3. Januar ⎭ Juli ⎭ Der innere Kreis sind unsere 24 Stunden von Mitternacht biswieder Mitternacht, in zweymal zwölf getheilt, wie wir zählenund unsre Uhren sie zeigen. Der mittelste Kreis zeigt an wie die Glocken in der ietzigen Jahrszeit hier schlagen nähmlich auch in24 Stunden zweymal 12. allein dergestalt daß es 1 schlägt wennbey uns 8 schlägt und so fort, bis die zwölfe voll sind. Morgensum 8 Uhr nach unserm Zeiger schlägt es wieder 1. und so fort. Der oberste Kreis zeigt nun eigentl. an wie bis 24 würcklich gezählt wird. Ich höre also in der Nacht 7 schlagen und weis daßMitternacht um 5 ist, subtrahire ich special fraction 1 ist 2 Uhr nach Mitternacht. Hör ich am Tage 7 schlagen; so weiß ich daß Mitternacht um 5Uhr ist und also auch Mittag der Glocke nach ich mache also die vorige Operation special fraction 1 es ist also 2 Uhr nach Mittag. Will ich es aberaussprechen; so muß ich wissen daß Mittag um 17 Uhr ist undaddire also nunmehr special fraction 1 und sage neunzehn Uhr, wenn ich nachunsrer Uhr um zwey sagen will. Wenn du das gelesen hast und meine Tafel ansiehst; wird dirs imAnfang schwindlich im Kopfe werden, du wirst ausrufen: welcheUnbequemlichkeit, und doch am Orte ist man’s nicht allein bald gewohnt sondern man findet auch Spas daran wie das Volck demdas ewige hin und wieder rechnen und vergleichen zur Beschäfftigung dient. Sie haben ohne dies immer die Finger in derLuft rechnen alles im Kopfe und machen sich gerne mit Zahlenzu schaffen. NB. Die Innländer bekümmern sich wenig um Mittag und Mitternachtsondern sie zählen nur vom Abend wenn es schlägt die Stunden wie sie schlagen, und am Tage wenn es schlägt addirensie die Zahl zu 12. Nun kommt aber die Hauptsache. In einem Lande wo man desTags genießt, besonders aber sich des Abends freut, ist es höchstbedeutend wenn es Nacht wird. Wann die Arbeit des Tags aufhöre? Wann der Spaziergänger ausgehn und zurückkommenmuß. Mit einbrechender Nacht will der Vater seine Tochter wiederzu Hause haben pp die Nacht schliest den Abend und machtdem Tag ein Ende. Und was ein Tag sey wissen wir Cimmerier im ewigen Nebel und Trübe kaum, uns ists einerley obs Tag oder Nacht ist, denn welcher Stunde können wir uns unter freyemHimmel freuen. Wie also die Nacht eintritt ist der Tag aus, deraus Abend und Morgen bestand, 24 Stunden sind vorbey, derRosenkranz wird gebetet und eine neue Rechnung geht an. Das verändert sich mit ieder Jahrszeit und die eintretende Nacht macht immer merckliche Epoche, daß ein Mensch der hier lebt nicht wohl irre werden kann. Man würde dem Volck sehr viel nehmen wenn man ihm dendeutschen Zeiger aufzwänge, oder vielmehr man kann und solldem Volck nichts nehmen was so intrinsec mit seiner Natur verwebt ist. Anderthalb Stunden, eine Stunde vor Nacht fängt der Adel anauszufahren. Es geht auf den Bra die lange breite strase nach der Porta nuova zu, das Thor hinaus an der Stadt hin, und wie esNacht schlägt kehrt alles um, theils fahren sie an die Kirchendas Ave maria della sera zu beten, theils halten sie auf dem Braund lassen sich da die Damen die Cour machen von Cavaliers,die an die Kutsche treten und das dauert denn so eine Weile, ich hab es nie abgewartet biß ein Ende war. Die Fußgänger bleibenaber bis weit in die Nacht. Es hatte eben geregnet und der Staub war gelöscht, da war eswürcklich ein lebendiger und muntrer Anblick. Witterung. Es donnerte blitzte und regnete völlig, zwölf Stunden dann wares wieder schön heiter. Uberhaupt beklagen sie sich hier auchüber einen übeln Sommer. Sie mögen ihn nicht so rein gehabthaben als andre Jahre aber ich merke auch, sie sind höchst unleidsam.Weil sie des guten gewohnt sind alles in Schuen und Strümpfen und leichten Kleidern herum läuft; so fluchen undschelten sie auch gleich über ein wenig Wind und Regen, überden wir uns erfreuen würden wenn er so sparsam käme. Ich habe bemerkt daß sich nach dem Regen bald die Wolckengegen das Tyroler Gebirg warfen und dort hängen blieben auch ward es nicht ganz wieder rein. Das Zieht nun alles Nordwärts,und wird euch trübe und kalte Tage machen. Hierher kommen wahrscheinlich die Wolke und Regen aus dem Pothal, oder noch ferner vom Meere und so gehts weiter wie ichweitläufig im vorhergehenden gemeldet. Noch bemerk ich die Schönheit der Porta del Pallio von aussen. Das dunckle Alterthum der Kirche des Heil. Zeno, des Patronsder Stadt. eines wohlbehäglichen lachenden Heiligen. Das Weben der Eidexen auf den Stufen des Amphitheaters in der Abendsonne. –––––– Ich habe Wunder gedacht wie deutlich ich dir die ItaliänischeUhr machen wollte und sehe meine Methode war nicht diebeste. In deß ist das Zirckel werck und die Tabelle unten annoch besser als meine Auslegung und wird in der Zukunft dienen. Verzeichniß der mitgenommen Steine. Verona 26 Rother Veronesischer Marmor 27 Bronzino. 28 Weiser Kalckstein von dem sie Statuen arbeiten 29. Basalt Geschiebe. Vicenz 30 Lava vom Monte Berico. 31 Kalksteine daher. 32. Kalcksteine woraus sie in Vicenz schöne Platten arbeiten. 33. Kalckstein den sie nach Belieben sägen und zuschneiden. 34. Basalt aus dem sie schöne Platten hauen die hallen zu pflasternund mit dessen kleinre Stücken sonst gepflastert wird. 35 Eine Lava die sie auch zu Platten zu hauen.

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