Normalzeugnis Zeugnis

Italienische Reise. Dezember 1787 (WA I 32, 180)

Was aber am meisten den Freundinnen in Weimar am Egmont tadelnswerth schien, war das lakonische Vermächtniß, womit Egmont sein Clärchen an Ferdinand empfiehlt ... Sonntags kam ich zu Angelica und legte ihr die Frage vor. Sie hat das Stück studirt und besitzt eine Abschrift davon. Möchtest du doch gegenwärtig gewesen sein, wie weiblich zart sie alles aus einander legte, und es darauf hinausging: daß das, was ihr noch mündlich von dem Helden erklärt wünschtet, in der Erscheinung implicite enthalten sei. Angelica sagte: da die Erscheinung nur vorstelle, was in dem Gemüthe des schlafenden Helden vorgehe, so könne er mit keinen Worten stärker ausdrücken, wie sehr er sie liebe und schätze, als es dieser Traum thue, der das liebenswürdige Geschöpf nicht zu ihm herauf, sondern über ihn hinauf hebe. Ja es wolle ihr wohl gefallen, daß der, welcher durch sein ganzes Leben gleichsam wachend geträumt, Leben und Liebe mehr als geschätzt, oder vielmehr nur durch den Genuß geschätzt, daß dieser zuletzt noch gleichsam träumend wache, und uns still gesagt werde, wie tief die Geliebte in seinem Herzen wohne, und welche vornehme und hohe Stelle sie darin einnehme. – Es kamen noch mehr Betrachtungen dazu, daß in der Scene mit Ferdinand Clärchens nur auf eine subordinirte Weise gedacht werden konnte, um das Interesse des Abschieds von dem jungen Freunde nicht zu schmälern, der ohnehin in diesem Augenblicke nichts zu hören noch zu erkennen im Stande war.

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