Normalzeugnis Zeugnis

Herder an Anna Amalia 30. 8. 1784 (STA Weimar, HA A XVIII 52, 13)

Könnte ich doch Worte finden, die so rein wie Knebels Verse, so schön wie Oesers Bilder und vor allem so angenehm u. harmonisch, wie Euer Durchlaucht Töne, Ihnen gnädigste Fürstin für die Ehre und das Vergnügen danken, womit Sie das Andenken meines armen Geburtstages in den Kranz flechten wollten, den der Genius alles Schönen, so wie jetzt ein wahrer reiner Genius in seinen Geschäften u. ein Engel in der Freundschaft, Göthe, allein verdiente. Die Nachbarschaft bei ihm that meinem Herzen so wohl, daß ich mich wie unter seinem Schatten erquickte und mich, wenigstens tröstend, der Stelle freute, die mir unter den Augen einer solchen Fürstin u. im Kreise einiger so auserwählten edlen Menschen, als dem Neide zum Trotz gewiß in Weimar beisammen sind, vom Schicksal gegönnet ward. Die Empfindung deßen unterdrückte meinen Geist u. machte mich auch bei der Wegfahrt aus Ihrem angenehmen Tiefurt so stumm, daß ich auf den Stralen des freundlichen Mondes in Gedanken zu dem hinschlüpfte, der in Braunschweig oder zwischen den Bergen gewiß diesen Abend an uns gedacht hat, da einige von uns ihn Goethe gewiß mit Banden unsres Herzens zu uns zogen.

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