Normalzeugnis Zeugnis

H. Ph. C. Henke an Wilhelmina Benedicta Henke 2. 10. 1793 (Jb. Braunschweig 6, 163)

Heute Nachmittag liess sie Anna Amalia mich zu einem Concerte u. Thee invitiren. Ich gieng ... hin. Der Cammerherr von Einsiedel kam zu mir, u. bat mich auf Morgen zur Tafel; ich lehnte es ab, weil ich Morgen nach Weimar reisen würde. Bald darauf kamen Goethe und Herder von Weimar angefahren u. fanden sich sogleich im Concerte ein; zwey Männer von Geist u. Kraft, wie ich wenige gesehen habe. Ich sass zwischen beyden, und plauderte. Auf einmal kam die Herzoginn auf mich zu, und sagte: „Sie haben Morgen nach Weimar reisen wollen; hier habe ich Ihnen die beyden braven Männer, die Sie dort würden besucht haben, von Weimar kommen lassen. Wenn Sie sich noch länger mit ihnen unterhalten wollen, so bleiben Sie noch einen Tag hier, und kommen Morgen zu uns.“ Da durfte ich denn nicht länger, ohne Unschicklichkeit, es verbitten, werde also Morgen mehrentheils auf dem Schlosse zubringen, u. erst nach aufgehobener Tafel abreisen ... Jedermann macht mir Vorwürfe, dass ich den Antrag Ruf an die Universität nicht angenommen habe, und ob ich es gleich allerdings nicht bedaure, wie du mir eingeschärft hast, so habe ich doch Ursache für die viele Achtung und Freundschaft, die man mir erweiset, dankbar zu seyn. Besonders waren mir die Unterredungen mit der vortrefflichen Herzoginn, mit Göthe, Herder und Griesbach über diesen Punkt überaus rührend. Göthe sagte in seiner Kraftsprache: Herr, sprechen Sie Ein Wort, so sind Sie doch noch unser.

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