Normalzeugnis Zeugnis
J. L. Geist, Tagebuch 29. 9. 1797 (GSA Goethe XXIX O)
Gingen wir Goethe, Meyer, Geist früh, indem das Michaelisfest gefeyert wurde, wieder in die Kirche, und hörten daselbst gleich beym Eintritt eine schöne Musik die durchaus von Pfaffen aufgeführt wurde. Die daselbst sich befindliche große Schatzkammer wurde uns auch gezeigt wohin uns drey starke eiserne Thüren führten. Zuerst wurden uns mehrere Schränke aufgeschlossen in welchen sich die schönsten Meßkleider befanden die sehr reich mit Gold und Silber gestickt und durchnäht waren. Ferner waren in einem andern Schranke mehrere alte Reliquien aufgestellt unter andern zeigte man uns zwey Kindergerippe die ebenfalls sehr prächtig angekleidet waren doch so daß man die Knochen davon sehen konnte, man gab sie vor zwey von denen unschuldigen Kindern aus, die von dem König Herodes ermordet worden sind. Da man nun das heilige Land erobert so wären sie denen Helden verehrt worden diese hätten sie nun hierher nach Einsiedel geschenkt.
Dann weiter hin stand ein St Peter und Paulus in Lebensgröße beyde von dem besten Silber, und auch mehrere Kinderfiguren. Ferner eine Mutter Gottes mit dem Kinde von Gold und überdieß noch mit den kostbarsten Edelsteinen ausgeschmückt, mehrerer Kirchengefäße, Geräthschafften und anderer Kostbarkeiten nicht zu gedenken. Als wir uns hier genugsam umgesehen hatten wurden wir in die Bibliothek geführt wobey sich auf so einen Augenblick nicht viel bemerken läßt. Gleich nächst dieser befand sich ein ansehnliches Naturalien Cabinet das meist aus Versteinerungen Muscheln und Conchilien bestand, auch sah ich verschiedne Cristallisationen und mehrere Seegewächse. Von da führte man uns in einen Bildersaal wo sich manches gute und schöne vorfand unter andern gefiel mir ein Engel Gabriel mit einem Lilienzweig in der Hand sehr wohl ...
Als wir uns nun in diesem so heiligen Orte genugsam umgesehen empfahlen wir uns höflich und setzten Mittags 11 Uhr unsere Reise weiter fort. Lange ging der Weg in dem Alpthale fort ...
Man sieht nun rechts das größte Gebirge, das unter den Nahmen, die Schwitzer Hoken bekannt ist, welches wir denn auch unter großen Schweißtropfen überklettern mußten ... Wir erstiegen die Spitze glücklich, wurden aber theils von Schweiß theils von den Wolken in die wir eingehüllt waren so naß als wenn uns der stärkste Regen benetzt hätte. Wir kehrten in einem Wirthshaus das sich auf diesem Gipfel befindet, ein, tranken auf diese heftige Bewegung einen guten Becher Wein und nun ging es auf der andern Seite wieder bergab. Als wir ohngefähr 100 Schritte gegangen waren that sich mit einem Male eine von den Wolken die uns umgaben, auf und wir konnten ein paar Minuten sehen wie es in dem Thale aussahe nach dem wir jetzt unsern Weg nahmen ... Wir kamen nun glücklich in Schwitz an und logirten im Ross auf dem Markt.
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