Brief
An Philipp Christoph Kayser (15. März 1783)
Die Geschwindigkeit des Lebens nimmt mich mit fort, daß ich mich wenig nach entfernten Freunden umsehen kann.
Ihr Aufenthalt in W.B. muß sehr interessant gewesen seyn. Die geheimen Wissenschafften haben mir nicht mehr noch weniger gegeben als ich hoffte. Ich suchte nichts für mich drinne, bin aber schon belehrt genug da ich sehe was andre für sich drinne suchten, fanden, suchen und hoffen. Man sagt: man könne den Menschen beym Spiel am besten kennen lernen, seine Leidenschafften zeigten sich da offen und wie in einem Spiegel; so hab ich auch gefunden daß in der kleinen Welt der Brüder, alles zugeht wie in der grosen, und in diesem Sinne hat es mir viel genutzt diese Regionen zu durchwandern. Wenn ich mich nicht irre; so sagt ich Ihnen dies schon ehmals noch im Vorhofe, und habe bey der Bundeslade nunmehr auch nichts weiter zu sagen. Den Klugen ist alles klug / dem Thörigen Törig. Alle Dinge ausser dem Menschen sind ihm Stoff und Werckzeug, die er braucht ie nachdem er Meister oder Pfuscher, Kind, Weiser, Wohlthäter oder Bösewicht ist.
Wie gerne spräch ich ietzo recht viel mit Ihnen darüber, schrifftlich ist es zu weitläufig und geht auch nicht an.
Ich habe alles gelesen, und bin in Erwartung ob die wohlthätigen Ritter das Rennen gewinnen. Vielen, mercke ich, ia fast allen ist die weis und rothe Maskerade lieber. Und aufrichtig, wenn man vernünftig und wohlthätig seyn will und weiter nichts; so kann das ieder für sich und am hellen Tage in seinem Hauskleide.
Leben Sie wohl. Schreiben Sie Seideln was Sie von Musick wünschen der soll es beytreiben, und schicken mir etwas von sich.
W. d. 15 März 1783
G
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