Normalzeugnis Zeugnis

Dichtung und Wahrheit V (WA I 26, 267)

Man hatte jenen Liebenden, dessen poetischer Secretär ich geworden war, glauben gemacht, der in seinem Namen geschriebene Brief sei wirklich an das Frauenzimmer abgegeben worden, und zugleich seine Erwartung auf’s äußerste gespannt, daß nun bald eine Antwort darauf erfolgen müsse. Auch diese sollte ich schreiben, und die schalkische Gesellschaft ließ mich durch Pylades auf’s inständigste ersuchen, allen meinen Witz aufzubieten und alle meine Kunst zu verwenden, daß dieses Stück recht zierlich und vollkommen werde. In Hoffnung meine Schöne wiederzusehen, machte ich mich sogleich an’s Werk ... Als ich abermals gemahnt wurde, war ich fertig, versprach zu kommen und fehlte nicht zur bestimmten Stunde. Es war nur einer von den jungen Leuten zu Hause; Gretchen saß am Fenster und spann; die Mutter ging ab und zu. Der junge Mensch verlangte, daß ich’s ihm vorlesen sollte; ich that es, und las nicht ohne Rührung, indem ich über das Blatt weg nach dem schönen Kinde hinschielte, und da ich eine gewisse Unruhe ihres Wesens, eine leichte Röthe ihrer Wangen zu bemerken glaubte, drückte ich nur besser und lebhafter aus, was ich von ihr zu vernehmen wünschte. Der Vetter, der mich oft durch Lobeserhebungen unterbrochen hatte, ersuchte mich zuletzt um einige Abänderungen. Sie betrafen einige Stellen, die freilich mehr auf Gretchens Zustand, als auf den jenes Frauenzimmers paßten, das von gutem Hause, wohlhabend, in der Stadt bekannt und angesehen war. Nachdem der junge Mann mir die gewünschten Änderungen articulirt und ein Schreibzeug herbeigeholt hatte, sich aber wegen eines Geschäfts auf kurze Zeit beurlaubte, blieb ich auf der Wandbank hinter dem großen Tische sitzen, und probirte die zu machenden Veränderungen auf der großen, fast den ganzen Tisch einnehmenden Schieferplatte, mit einem Griffel, der stets im Fenster lag, weil man auf dieser Steinfläche oft rechnete, sich mancherlei notirte, ja die Gehenden und Kommenden sich sogar Notizen dadurch mittheilten. Ich hatte eine Zeit lang verschiedenes geschrieben und wieder ausgelöscht, als ich ungeduldig ausrief: es will nicht gehen! – „Desto besser! sagte das liebe Mädchen, mit einem gesetzten Tone; ich wünschte, es ginge gar nicht. Sie sollten sich mit solchen Händeln nicht befassen.“ – Sie stand vom Spinnrocken auf, und zu mir an den Tisch tretend, hielt sie mir mit viel Verstand und Freundlichkeit eine Strafpredigt. „Die Sache scheint ein unschuldiger Scherz; es ist ein Scherz, aber nicht unschuldig. Ich habe schon mehrere Fälle erlebt, wo unsere jungen Leute wegen eines solchen Frevels in große Verlegenheit kamen.“ – Was soll ich aber thun? versetzte ich: der Brief ist geschrieben, und sie verlassen sich drauf, daß ich ihn umändern werde. – „Glauben Sie mir, versetzte sie, und ändern ihn nicht um; ja, nehmen Sie ihn zurück, stecken Sie ihn ein, gehen Sie fort und suchen die Sache durch Ihren Freund in’s Gleiche zu bringen. Ich will auch ein Wörtchen mit drein reden: denn, sehen Sie, so ein armes Mädchen als ich bin, und abhängig von diesen Verwandten, die zwar nichts Böses thun, aber doch oft um der Lust und des Gewinns willen, manches Wagehalsige vornehmen, ich habe widerstanden und den ersten Brief nicht abgeschrieben, wie man von mir verlangte; sie haben ihn mit verstellter Hand copirt, und so mögen sie auch, wenn es nicht anders ist, mit diesem thun. Und Sie, ein junger Mann aus gutem Hause, wohlhabend, unabhängig, warum wollen Sie sich zum Werkzeug in einer Sache gebrauchen lassen, aus der gewiß nichts Gutes und vielleicht manches Unangenehme für Sie entspringen kann?“ – Ich war glücklich sie in einer Folge reden zu hören: denn sonst gab sie nur wenige Worte in das Gespräch. Meine Neigung wuchs unglaublich, ich war nicht Herr von mir selbst, und erwiderte: Ich bin so unabhängig nicht als Sie glauben, und was hilft mir wohlhabend zu sein, da mir das Köstlichste fehlt, was ich wünschen dürfte. Sie hatte mein Concept der poetischen Epistel vor sich hingezogen und las es halb laut, gar hold und anmuthig. „Das ist recht hübsch, sagte sie, indem sie, bei einer Art naiver Pointe, inne hielt: nur Schade, daß es nicht zu einem bessern, zu einem wahren Gebrauch bestimmt ist.“ – Das wäre freilich sehr wünschenswerth, rief ich aus: wie glücklich müßte der sein, der von einem Mädchen, das er unendlich liebt, eine solche Versicherung ihrer Neigung erhielte! – „Es gehört freilich viel dazu, versetzte sie, und doch wird manches möglich.“ – Zum Beispiel, fuhr ich fort, wenn jemand der Sie kennt, schätzt, verehrt und anbetet, Ihnen ein solches Blatt vorlegte, und Sie recht dringend, recht herzlich und freundlich bäte, was würden Sie thun? – Ich schob ihr das Blatt näher hin, das sie schon wieder mir zugeschoben hatte. Sie lächelte, besann sich einen Augenblick, nahm die Feder und unterschrieb. Ich kannte mich nicht vor Entzücken, sprang auf und wollte sie umarmen. – „Nicht küssen! sagte sie: das ist so was Gemeines; aber lieben wenn’s möglich ist.“ Ich hatte das Blatt zu mir genommen und eingesteckt. Niemand soll es erhalten, sagte ich, und die Sache ist abgethan! Sie haben mich gerettet. – „Nun vollenden Sie die Rettung, rief sie aus: und eilen fort, ehe die andern kommen, und Sie in Pein und Verlegenheit gerathen.“ Ich konnte mich nicht von ihr losreißen; sie aber bat mich so freundlich, indem sie mit beiden Händen meine Rechte nahm und liebevoll drückte. Die Thränen waren mir nicht weit: ich glaubte ihre Augen feucht zu sehen; ich drückte mein Gesicht auf ihre Hände und eilte fort. In meinem Leben hatte ich mich nicht in einer solchen Verwirrung befunden.

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