Tagebucheintrag
Reisetagebuch Italien 1786, 6. Oktober 1786
d. 6. früh.
Die Tragödie gestern hat mich manches gelehrt. Erstlich hab ich gehört wie die Italiäner ihre Eilfsylbige Jamben behandeln unddeklamiren. Dann hab ich gesehen wie klug Gozzi die Maskenmit den Tragischen Figuren verbunden hat. Das ist das eigentlicheSchauspiel für dieß Volck. Denn es will auf eine krudeWeiße gerührt seyn. Es nimmt keinen innigen, zärtlichen Antheil am Unglücklichen, wie mich dünckt, es freut sie nur wennder Held gut spricht, denn aufs reden halten sie viel, dann wollensie wieder lachen, oder was albernes vornehmen.
Lustig wars, als der Tyrann seinem Sohn das Schwerdt gab undforderte, daß dieser seine eigne Gemahlinn umbringen solle, die gegenwartig war, das Volck fing laut an sein Misvergnügen überdiese Handlung zu zeigen und es fehlte nicht viel, so wäre dasStück unterbrochen worden, und sie hätten verlangt der Altesolle seinen Degen zurücknehmen. da denn die ganze Entwicklungwäre zu Grunde gegangen. Es war auch würcklich besonders unter den Umständen eine alberne, unnatürliche Situationund das Volck fühlte es gleich.
Ich verstehe auch jetzt besser die langen Reden und das Dissertirenpro und contra in den Griechischen Trauerspielen. DieAthenienser hörten noch lieber reden, und verstanden sich noch besser darauf als die Italiäner, und von den Gerichtsstellen wosie des ganzen Tags lagen lernten sie was.
Nachmittags.
Ich fuhr heute früh mit meinem alten Schutzgeiste, al lido, einerErdzunge die die Lagunen schließt und vom Meer absondert. Wir stiegen aus und gingen queer über die Zunge, ich hörte einstarkes Geräusch es war das Meer, und ich sah es bald. Es ginghoch gegen das Ufer indem es sich zurückzog, denn es war umMittag, Zeit der Ebbe. So hab ich auch das mit Augen gesehnund bin auf der schönen Tenne die es weichend zurückläßt ihm nachgegangen. Da hätte ich mir die Kinder gewünscht um der Muscheln willen. Ich habe selbst kindisch ihrer genug aufgelesen,besonders da ich sie zu einem Gebrauch widme.
Es wird der Dintenfisch hier viel gegeßen, ich habe mir von der schwarzen Feuchtigkeit geben laßen und will ihrer noch mehrnehmen. Diese laß ich in den Muscheln eintrocknen und schicke sie dir, du brauchst davon und hebst mir auf, ich bringe dessenzusammen soviel ich will. die Farbe ist ganz schwarz mit Wasservermischt ein wenig grißelich, wird aber mit Bister gut thun.Man muß nun versuchen und ich will mich erkundigen ob sonstnoch etwas dabey zu bedenken und zu thun ist.
Auf dem Lido nicht weit vom Meer liegen Engländer und weiterhin Juden begraben, die in geweihtem Boden nicht ruhen sollen.Ich fand das Grab des edlen Consul Smith, und seiner erstenFrauen, ich bin ihm mein Exemplar des Palladio schuldich unddanckte ihm auf seinem ungeweihten Grabe dafür.
Das Meer ist ein großer Anblick. Ich will doch sehn eine Fahrtin einem Fischer Kahn hinauszuthun.
Abends.
Ich bin recht glücklich und vergnügt seit mir Minerva in Gestaltdes alten Lohnbedienten zur Seite steht und geht. Solche Präcision in allem, solche Schärfe der Ersparniß hab ich nicht gesehn.Immer den nächsten Weg, immer den geringsten Preis,immer das Beste dessen, was gesucht wird. Wäre es meiner bestimmunggemäß nur ein Vierteljahr hier zu bleiben, daß ichVenetianische Geschichte lesen, in Bekanntschafften nur wenig steigen könnte. Mit meiner Art die Sachen zu sehen; Mit diesemredlichen Spion wollt ich ein braves Bild von Venedig in dieSeele faßen.
Am Meere hab’ ich heut verschiedne Pflanzen gefunden, derenähnlicher Charackter mir ihre Eigenschafften näher hat kennen laßen. Sie sind alle zugleich mastig und streng, saftig und zähund es ist offenbar daß das alte Salz des Sandbodens, mehr aberdie Salzige Luft ihnen diese Eigenschafft giebt. Sie strotzen vonSäften wie Waßerpflanzen, sie sind fest, zäh, wie Bergpflanzen.Wenn ihre Blätter Enden zu Stacheln incliniren wie bey Disteln sind sie gewaltig Spitz und starck. Ich fand einen solchen Busch Blätter, es schien mir unser unschuldiger Huflattich, hier abermit scharfen Waffen bewaffnet und das Blat wie Leder, ich habeetwas eingelegt. (Erygnium maritimum.)
So auch die Samenkapseln, die Stiele alles mastig und fest. Die Binsen spiz und steif daß sie wohl stechen. Einige Schwammarten, Insekten gehäuse fand ich ausgeworfen. Wie wohl wirdmir’s daß das nun Welt und Natur wird und aufhört Cabinet zuseyn.
Mit Freuden seh ich nun jeder Känntniß entgegen, die mir von da und dort zunickt und ich werde gern zu den Büchern wiederkehren.
Der Fischmarkt und die vielen Seeproduckte machen mir Vergnügenich gehe offt drüber und beleuchte die unglücklich aufgehaschtenMeers bewohner.
Heut früh sah ich auch des Doge Zimmer, wo sein Portrait hängt, ein schöner, wohl und gutmütig gebildeter Mann.Auch ein Bild von Titian. köstlichen Pinsels, aber sonst nichtsrühmenswerthes.
Die Pferde auf der Markuskirche in der Nähe. Treffliche Gestalten! Ich hatte von unten auf leicht bemerkt, daß sie fleckigwaren, theils einen schönen gelben Metall glanz hatten, theilskupfer grünlich angelaufen. In der Nähe sieht und erfährt mandaß sie ganz verguldet waren und sieht sie über und über mit Striemen bedeckt, da die Barbaren das Gold nicht abfeilen sondern abhauen wollen. Auch das ist gut, so ist wenigstens dieGestalt geblieben. Ein herrlicher Zug Pferde. Ich möchte einenrechten Pferde kenner darüber reden hören.
Was mir sonderbar scheint ist daß sie oben schwerer und untenvom Platze, leicht wie die Hirsche, aussehen, doch läßt sichs auch erklären.
Die Kuppeln und Gewölbe nebst ihren Seitenflächen der Markuskirchesind bunte Figuren auf Goldnem Grunde alles MosaischeArbeit. Einige sind recht gut, andre geringe, ie nach demdie Meister waren, die den Carton machten und die Künstler die ihn ausführten.
Es fiel mir recht auf daß doch alles auf die erste Erfindungankommt, daß die das rechte Maas und den wahren Geist habe,da man mit viereckten Stückgen Glas, und hier nicht einmal aufdie sauberste Weise, das gute sowohl als das schlechte nachbildenkan. Diese Kunst ist wie du weißt jetzt sehr hoch hinauf getrieben.
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