Normalzeugnis Zeugnis
Böttiger (Peters S. 34)
Göthes Blicke über die Sache Wolfs Prolegomena ad Homerum.
Die zwei scheinbarsten Widersprüche ließen sich a) aus dem Glauben ableiten, daß Homer sich der Errungenschaft u. des Eigenthums vieler Sänger vor ihm bemächtigt, u. so auf dieser Basis solche Epopöen erbaut hätte, wie wir sie noch haben. Dann fiele die psychologische Unmöglichkeit doch ganz weg. Aus sovielen u. so oft schon bearbeiteten Sujets ließe sich ja wohl noch eine Ilias u. Odyssee von einem Homer zusammen setzen. b) aus der Tradition, daß die schon geordneten u. von Homer in wahren Zusammenhang gestellten Rhapsodien durch die Ungeschicklichkeit der spätern Rhapsoden auseinandergerissen und erst von Solon wieder zusammengefügt worden wären. Viel von W. Behauptung würde auch bei dieser Hypothese sehr wohl bestehen können.
Den meisten Beifall hat sich Wolf von den neueren Theologen zu versprechen, die kein geringes Triumphlied darüber anstimmen werden, daß nun auch dieser heidnische Moses entthront ist.
Ich als Dichter habe ein ganz anderes Interesse, als das der Kritiker hat. Mein Beruf ist zusammenfügen, verbinden, ungleichartige Theile in ein Ganzes zu vereinigen. Des Kritikers Beruf ist aufzulösen, trennen, das gleichartigste Ganze in Theile zu zerlegen. Als Dichter habe ich also eine unübersteigliche Scheidewand zwischen mir und dem heillosen Beginnen des Kritikers gezogen. Aber ich kann nun doch des Kritikers in hundert Fällen nicht entbehren. Ich lese meinen Homer mit Bewunderung, stoße aber auf einmal auf Scenen und einzelne Stellen, die allen Eindruck stören, u. mich aufs unangenehmste situiren. Hier weiß ichs dem Kritikus unendlichen Dank, wenn er mir sagt: ja grade diese Stelle ist unächt.
Wolf würde, wenn er nicht öffentlicher Lehrer wäre, diese Ideen schwerlich so fein ausgesonnen haben. Der Drang u. die Begeisterung öffentlicher Mittheilung bewirken Wunder.
Wenn nach W. Andeutung die Odyssee um 100 Jahre später, u. unter einem ganz andern Himmel als dem Jonischen gesungen ist, so dürfte man wohl auf Sicilien rathen.
W. unbegränzte Mittheilungsfertigkeit u. Bereitwilligkeit steht mit seiner Belesenheit und Wissenschaft im vollkommensten Ebenmaaß.
Bezüge im Wissensnetz
Teil von (2)
GZP-Knowledge-GraphHat Sprache (1)
GZP-Knowledge-Graph- Deutsch