Tagebucheintrag

Reisetagebuch Italien 1786, 1. Oktober 1786

d. 1. Oktbr. Abends 8 Uhr. Heute komm ich später zu dir als gewöhnl. und hätte dir doch recht viel zu sagen. Heute früh schrieb ich lang an der Iphigenieund es ging gut von statten. Die Tage sind sich nicht gleich undes wundert mich daß es in dem fremden Leben noch so geht esist aber ein Zeichen daß ich mich noch gut besitze. Dann ging ich nach dem Rialto und nach dem Markusplatz. Seitdem ich weiß daß Palladio zu einer Brücke auf diesen Platzeinen Riß gemacht hat; seitdem ich ihn in seinen Wercken gesehenhabe, sey es mir erlaubt Picks auf den Rialto zu haben wieer jetzt steht. ich werde sie mündlich auslegen. Dann bin ich durch einige Quartire gegangen und nach dem Platz und habe, da es eben Sonntag war über die Unreinlichkeitmeine Betrachtungen angestellt. Es ist wohl eine Art Policey indiesem Artickel. Die Leute kehren den Quarck in die Eckgen,ich sehe große Schiffe hin und wieder fahren, auch an Ortenstille liegen, die das Kehricht mit nehmen, leute von den Inseln umher die ihn als Mist brauchen. Aber es ist doch unverzeihlichdaß die Stadt nicht reinlicher ist, da sie recht zur Reinlichkeitangelegt ist. alle Strasen geplattet, die entfernten Quartiereselbst wenigstens mit Backsteinen auf der hohen Kante, wo esnötig in der Mitte ein wenig erhaben, an den Seiten Vertiefungen um das Wasser aufzufassen und in unterirdische Canäle zuleiten. Noch andre Vorsichten der ersten Anlage würden es unendlich er leichtern Venedig zur reinsten Stadt zu machen, wiesie die sonderbarste ist. Ich konnte mich nicht abhalten gleichim Spazirengehn einen Plan dazu anzulegen. Nach Tische studirt ich wieder im Palladio, der mich sehr glücklichmacht und ging alsdann mit dem Plan der Stadt in der Hand die Kirche der Mendicanti aufzusuchen die ich auchglücklich fand. Die Frauenzimmer führten ein Oratorium hinter dem Gitterauf, die Kirche war wie gewöhnlich voll Zuhörer. Die Musicksehr schön und herrliche Stimmen. Ein Alt sang den König Saul, ich habe mir diese Stimme nicht gedacht. Einige Stellen derMusick waren unendlich schön, der Text liegt bey, es ist soitaliänisch Latein daß man an manchen Stellen lachen muß;Aber der Musick ein weites Feld. Es wäre ein trefflicher Genußgewesen, wenn nicht der vermaledeyte Kapellmeister den Tackt, mit einer Rolle Noten, wider das Gitter, so unverschämt geklappthätte, als wenn er mit Schuljungen zu thun hätte, die ererst unterrichtete, und sie hatten das Stück oft gemacht, es warabsolut unnötig und zerstörte allen Eindruck, nicht anders alswenn man mir eine schöne Statue hinstellte und ihr Scharlachläppgen auf die Gelencke klebte. Der fremde Ton hebt alle Harmonieauf und das ist ein Musicker und er hört es nicht, oder erwill vielmehr daß man seine Gegenwart am Klappen vernehmensoll, da es besser wäre er liese seinen Werth an der Vollkommenheitder Ausführung errathen. Ich weiß die Franzosen habens an der Art, den Italiänern hab ich’s nicht zugetraut. Unddas Publikum scheint es gewohnt. Ich habe auch darüber speculirt und einige Gedancken, die ichwenn ich sie mehr bestätigt finde dir mittheilen werde. Morgen will ich anfangen einiges zu besehn. Ich bin nun mit dem Ganzen bekannt das einzelne wird mich nicht mehr confußmachen, und ich werde ein sichres Bild von Venedig mit fortnehmen.Heut hat mich zum erstenmal ein feiler Schatz beyhellem Tage in einem Gäßgen beym Rialto angeredet. Heute Abend war herrlicher Mondschein. Ein Gewitter kam übers Meer vom Süd ost, also von den dalmatischen Gebürgen,wetterleuchtete, zog am Mond vorbey zertheilte sich und ging nach dem Tyroler Gebirg, das ist also immer der selbige Windder alle Mittägiger entstehende Wolcken nach dem deutschenGebirg wirft und euch in Norden vielleicht Ubel bringt. Dochhab ich gute Hofnung für euch die Gebirge sind meist klar. Einige Striche hab ich auf grau Papier gemacht von diesesAbends Erscheinung auf dem Wasser. Lebe wohl. Abends fühl ich mich denn doch müde. Du nimmstauch wohl mit dem guten Willen vorlieb, wenn ich auch nichtviel klugs vorbringe.

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