Normalzeugnis Zeugnis
K. Riesbeck, Briefe eines Franzosen 2, 55
Göthe ist der Liebling des Herzogs. Sie sind Du zusammen. Was die Natur Herrn Wieland gänzlich versagte, das gab sie Herrn Göthe im Übermaaß. Ehedem verleitete ihn seine Suffisance wirklich zu Ausschweifungen; allein er hat sich seit einigen Jahren merklich geändert. Er ist nicht nur ein Genie, sondern hat auch wirklich viel Ausbildung. Einige sonderbare Grundsätze trugen mehr dazu bey, als seine natürliche Raschheit, daß er – gewiß gegen seine Erwartung – einer Kalmückenhorde das Signal gab, den deutschen Parnaß, der in voller Blüthe stand, vor einigen Jahren zu verheeren. Er ist in allen Dingen – aus Grundsatz – für das Ungezierte, Natürliche, Auffallende, Kühne und Abentheuerliche. Er ist der bürgerlichen Polizey eben so feind als den ästhetischen Regeln. Seine Philosophie gränzt ziemlich nahe an die rousseauische. Ich will mich nicht damit aufhalten, sie zu zergliedern ... Er hat viel Studium, ist ein Kenner der alten und bekanntesten neuen Sprachen, zeichnet, ist Musikant, ein guter Gesellschafter, Bonmotist und herzoglicher Legationsrath ...
Itzt scheint sich Göthe um das Litteraturwesen überhaupt wenig mehr zu kümmern. Er arbeitet an einer Lebensbeschreibung des berühmten Bernards von Weimar, und genießt das Leben in so weit es sich mit ziemlich welken Lenden geniessen läßt. Er wird, wie man mir in Weimar sagte, von allen Seiten her, unabläßig mit Rekommandationen bestürmt, und aus Osten, Süden, Westen und Norden besuchen ihn zu Zeiten Jünger seiner Apostel, in der Hofnung, angebracht zu werden. Er hat es sich aber itzt zur Regel gemacht, mit seiner Protektion sehr haushälterisch zu seyn.
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