Normalzeugnis Zeugnis

C. G. v. Brinckmann an Luise v. Berg 25. 2. 1798 (GSA Nachl. Berg-Voß 7)

Von da Naumburg kam ich ohne alle weitere Abentheuer in Weimar an, wo Göthe u. Herder die vorzüglichsten Gegenstände meiner Aufmerksamkeit waren, u. ich bin unendlich durch ihre nähere Bekantschaft befriedigt worden. Ihre Kritik über Herrman u. Dorothea läßt mich beinah befürchten, daß Sie den Verfasser nicht so unbedingt wie ich für das größte Genie des Jahrhunderts halten, aber es ist unmöglich, daß er Ihnen nicht auch als einer der mächtigsten Heroen der Literatur erscheinen solte. Die Persönlichkeit dieses Mannes etwas mehr in der Nähe zu studiren mußte mir also unendlich wichtig sein; nur zweifelte ich an dem Gelingen meines Wunsches, weil man mir G. oft als steif u. Ministermässig geschildert hatte. Da ich immer bei einer ersten Bekantschaft der Art, die Plattitüde derjenigen am meisten befürchte, die uns so gerne introduziren, um sich selbst geltend zu machen; so schlug ich alle dergleichen Anerbietungen aus, u. schrieb G. blos ein Billet, worin ich ihm sagte, es könne keiner mehr als ich das Unbescheidene darin fühlen, wenn jeder unbedeutende Reisende sich zu einem grossen Manne hinzudrängte, daß ich mir aber schmeichelte, bei dieser Gelegenheit seine Güte gegen unsre gemeinschaftlichen Freunde geltend machen zu dürfen, u. wünschte daher sehr seine Befehle an Humboldts selbst einzuhohlen. – Hiedurch gewann ich das Glück gleich auf der Stelle von ihm als ein alter Bekanter eingeladen u. behandelt zu werden, u. da unser erstes Gespräch ein par Stunden dauerte, verließ ich ihn mit einem Enthusiasmus, der sich eher nachempfinden als beschreiben läßt. Nicht daß G. beim ersten Anblick die Leichtigkeit u. Gewandtheit eines Weltmans zeigte; im Gegentheil er mag oft verlegen sein, aber die unglaubliche Superiorität seines Geistes, die aus wahrer Erhabenheit human wird; der in sich vollendete Mensch, der frei u. unabhängig von jedem Vorurtheil, wie jedem Verhältnis, das ganze Thun u. Treiben der Welt so entschieden aus dem höchsten Gesichtspunkt betrachtet; das Selbstgefühl einer seltenen Kraft, welches eben deswegen die edle Gutmütigkeit des Löwen bewirkt; mit Einem Wort, das allumfassende seines intellektuellen u. moralischen Scharfblicks – hat mich in unserm ersten Gespräch so elektrisirt, daß meine religiöse Bewunderung seines Genies sich in wahre Andacht gegen den Menschen verwandelt hat. Bei dieser Stimmung können Sie sich vorstellen, wie es auf mich wirken mußte, da G. mich auf das freundschaftlichste auszeichnete, u. mir Gelegenheit gab ihn täglich zu sehen. Wir wurden bald so bekannt, daß wir schon, ich möchte sagen vertraut zusammen plauderten, wenn dies Wort in dieser Verbindung mir nicht noch immer ein wenig impertinent klänge. Der gesellschaftliche Scherz nemlich, u. der rücksichtlose freiere Witz, ist an G. noch eine sehr glänzende Seite, von der ich ihn vorzüglich bei einem Diné kennen lernte, das er ausdrücklich mir zu Ehren gab, u. das aus sehr ausgewählten Personen bestand. Es ist unmöglich ihn in dieser jovialischen Stimmung nicht höchst liebenswürdig zu finden, u. selbst Xenien gegen mich würde ich ihm bei einem solchen Göttermahl willig verzeihen. Uebrigens versicherte er mich selbst, er habe mir eigentlich aus Bosheit diese Fête gegeben, um sich selbst dadurch eine zu bereiten. Er hatte nemlich blos zwei Damen dazu gebeten, die mich kennen lernen wolten; die Verfasserin der Agnes von Lilien, u. ein schönes junges Mädchen von seltenem Genie, ein Fräulein v. Imhof, von der ich Ihnen noch mehr sagen werde. Um mich nun, wie er meinte, nicht zu Athem kommen zu lassen, hatte er die Plätze durch gelegte Zettelchen vorgeschrieben, u. mir den meinigen zwischen diesen beiden weiblichen Genien angewiesen. Da Frau v. Wolzogen schon eine Frau von gewissen Jahren, nicht hübsch, u. Anfangs etwas stille ist, die Imhof hingegen sehr reizend, witzig u. im höchsten Grad unterhaltend ist, so behauptete G., der heftigste Kampf zwischen meiner Artigkeit u. meiner reizbaren Organisazion sei sehr sichtbar, u. ihm sehr amüsant gewesen ... Ich wolte in W. nur 2 od. 3 Tage bleiben, u. es wurden 6 draus, wovon aber beinah 2 wieder zu einer kleinen Reise nach Jena u. nach Osmanstedt abgingen, um Schiller u. Wieland zu sprechen. An erstern gab mir Göthe einen Brief mit ... Herders alle beide, Göthe, Frl. Göchhausen, Frau v. Wolzogen u. Frl. Imhof bildeten einen kleinen Kreis, aus dem ich mich sehr ungern losgerissen habe. Wir berechneten alle Möglichkeiten recht oft beisamen zu sein, u. ein freundlicher Genius muß es Ihnen u. der liebenswürdigen Frau v. Berg zugeflüstert haben, wie lebendig Ihr Andenken unter uns gewesen ... Ich wolte vorigen Donnerstag 22. 2. früh ganz zuverlässig von dort wegreisen. Meine Pferde waren schon bestellt u. alles angeordnet, als Göthe mich nach dem Abschied von den Fürstlichkeiten noch bei Seite zog, u. sagte: „Nun lassen Sie noch ein vernünftiges Wort mit sich sprechen. Dieser Abschied ist recht gut; aber Sie bleiben noch einen Tag incognito, u. ich geb’ Ihnen einen Thee, wie Sie ihn in ganz Paris nicht wieder bekommen sollen. Es ist schon alles angeordnet; Sie werden keine Einwendungen machen. Die Fr. v. Wolzogen giebt Ihnen auch noch ein Diné, u. Sie sollen Ihre Freunde noch Einmal recht orndlich geniessen.“ – Was war zu thun? Nicht wahr ich hatte recht, zu bleiben?

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