Normalzeugnis Zeugnis
F. H. Jacobi an Goethe (Entwurf) Nov. 1815 (Jacobi S. 272)
Ich gedachte ... jener fünf Wochen, die du im Winter des Jahres 1792 bei mir in Pempelfort zubrachtest und des Zeugnisses aus voller Seele, das du mir bei’m Scheiden gabst. Wir hatten Stunden mit einander verlebt, die keiner von uns je vergessen konnte. Jene Ahndungen in der Mitternachtstunde zu Kölln wurden uns jetzt zu Erkenntnissen; wunderbar hatten selbst die Täuschungen sich zur Wahrheit verklärt. Für dich zumal hatte die Reife unserer Freundschaft, wie du es nanntest, die höchste Süßigkeit; und es mußte so sein, denn dir war in Erfüllung gegangen, über deine Erwartung, was du auch gestandest; mir nicht darüber noch darunter ...
Doch durfte ich dann ... wieder anführen, daß „der wahrhaft Julianische Haß (so bezeichnetest du ihn 1805) wider das Christenthum und nahmhafte Christen,“ den du im J. 1792 mit nach Pempelfort brachtest, und mir wiederholt auf das lebhafteste darzustellen wußtest, sich dort schon gemildert, so daß zuletzt wenig fehlte, du hättest wie der Kämmerer in der Apostel-Geschichte gesprochen: was hindert, daß ich getauft werde! Du gestandest zu von einem gewissen Christenthum, daß es der Gipfel der Menschlichkeit sei wolltest, sobald du wieder zu Hause und einiger Maaßen in Ruhe wärest, von neuem die ganze Bibel lesen und wie ich dein Heidenthum jenem dir verhaßten Christenthum, das auch ich nicht mochte, vorzog, so zogst du hinwieder deinem eignen Heidenthum vor, was du mein Christenthum nanntest, ohne jedoch dir dieses aneignen zu können.
Bezüge im Wissensnetz
Teil von (2)
GZP-Knowledge-GraphHat Sprache (1)
GZP-Knowledge-Graph- Deutsch