Normalzeugnis Zeugnis
Italienische Reise. 13. u. 14. 4. 1787 (WA I 31, 140)
Ich begab mich ... des andern Tags gleich nach Tische allein in ihre Wohnung. Sie verwunderten sich, da ich hineintrat. Der Brief sei noch nicht fertig, sagten sie, und einige ihrer Verwandten wünschten mich auch kennen zu lernen, welche sich gegen Abend einfinden würden.
Ich versetzte: daß ich morgen früh schon abreisen müsse, daß ich noch Visiten zu machen, auch einzupacken habe und also lieber früher als gar nicht hätte kommen wollen.
Indessen trat der Sohn herein, den ich des Tags vorher nicht gesehen hatte. Er glich seiner Schwester an Wuchs und Bildung. Er brachte den Brief, den man mir mitgeben wollte, den er, wie es in jenen Gegenden gewöhnlich ist, außer dem Hause bei einem der öffentlich sitzenden Notarien hatte schreiben lassen. Der junge Mensch hatte ein stilles, trauriges und bescheidenes Wesen, erkundigte sich nach seinem Oheim, fragte nach dessen Reichthum und Ausgaben und setzte traurig hinzu: warum er seine Familie doch so ganz vergessen haben möchte? „Es wäre unser größtes Glück,“ fuhr er fort, „wenn er einmal hieher käme und sich unserer annehmen wollte; aber,“ fuhr er fort, „wie hat er Ihnen entdeckt, daß er noch Anverwandte in Palermo habe? Man sagt, daß er uns überall verläugne und sich für einen Mann von großer Geburt ausgebe.“ Ich beantwortete diese Frage, welche durch die Unvorsichtigkeit meines Führers bei unserm ersten Eintritt veranlaßt worden war, auf eine Weise, die es wahrscheinlich machte, daß der Oheim, wenn er gleich gegen das Publicum Ursache habe, seine Abkunft zu verbergen, doch gegen seine Freunde und Bekannten kein Geheimniß daraus mache.
Die Schwester, welche während dieser Unterredung herbeigetreten war und durch die Gegenwart des Bruders, wahrscheinlich auch durch die Abwesenheit des gestrigen Freundes mehr Muth bekam, fing gleichfalls an, sehr artig und lebhaft zu sprechen. Sie baten sehr, sie ihrem Onkel, wenn ich ihm schriebe, zu empfehlen; eben so sehr aber, wenn ich diese Reise durch’s Königreich gemacht, wieder zu kommen und das Rosalienfest mit ihnen zu begehen.
Die Mutter stimmte mit den Kindern ein. „Mein Herr“, sagte sie, „ob es sich zwar eigentlich nicht schickt, da ich eine erwachsene Tochter habe, fremde Männer in meinem Hause zu sehen, und man Ursache hat, sich sowohl vor der Gefahr als der Nachrede zu hüten, so sollen Sie uns doch immer willkommen sein, wenn Sie in diese Stadt zurückkehren.“
„O ja“, versetzten die Kinder, „wir wollen den Herrn bei’m Feste herumführen, wir wollen ihm alles zeigen, wir wollen uns auf die Gerüste setzen, wo wir die Feierlichkeit am besten sehen können. Wie wird er sich über den großen Wagen und besonders über die prächtige Illumination freuen!“
Indessen hatte die Großmutter den Brief gelesen und wieder gelesen. Da sie hörte, daß ich Abschied nehmen wollte, stand sie auf und übergab mir das zusammengefaltete Papier. „Sagen Sie meinem Sohn“, fing sie mit einer edlen Lebhaftigkeit, ja einer Art von Begeisterung an: „sagen Sie meinem Sohn, wie glücklich mich die Nachricht gemacht hat, die Sie mir von ihm gebracht haben! sagen Sie ihm, daß ich ihn so an mein Herz schließe“ – hier streckte sie die Arme aus einander und drückte sie wieder auf ihre Brust zusammen – „daß ich täglich Gott und unsere heilige Jungfrau für ihn im Gebet anflehe, daß ich ihm und seiner Frau meinen Segen gebe, und daß ich nur wünsche, ihn vor meinem Ende noch einmal mit diesen Augen zu sehen, die so viele Thränen über ihn vergossen haben.“
Die eigne Zierlichkeit der italiänischen Sprache begünstigte die Wahl und die edle Stellung dieser Worte, welche noch überdieß von lebhaften Gebärden begleitet wurden, womit jene Nation über ihre Äußerungen einen unglaublichen Reiz zu verbreiten gewohnt ist.
Ich nahm nicht ohne Rührung von ihnen Abschied. Sie reichten mir alle die Hände, die Kinder geleiteten mich hinaus, und indeß ich die Treppe hinunterging, sprangen sie auf den Balcon des Fensters, das aus der Küche auf die Straße ging, riefen mir nach, winkten mir Grüße zu und wiederholten: daß ich ja nicht vergessen möchte wieder zu kommen. Ich sah sie noch auf dem Balcon stehen, als ich um die Ecke herumging.
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