Normalzeugnis Zeugnis
E. Genast, Aus dem Tagebuch eines alten Schauspielers (nach A. Genast) (Genast 1, 96)
Im Jahre 1796 ... berief Goethe Iffland zu einem Gastspiel nach Weimar. Zu diesem Zweck hatte Schiller die Redaction des „Egmont“ übernommen. Vor Beginn des Gastspiels war eine Leseprobe des „Egmont“, welche fünf Stunden dauerte und die Goethe mit einer Anrede eröffnete, die dem Sinne nach Folgendes sagte: „Es wird bald ein Meister unter uns stehen, den ich hauptsächlich berufen habe, um Euch durch ihn zu beweisen, wie gut Kunst und Natur sich vereinen lassen. Lauscht seiner Darstellung mit aller Aufmerksamkeit; aber seid nicht schüchtern als Mitwirkende, zeigt ihm, daß unser Streben ebenfalls ein hohes, edles ist, und seine Zufriedenheit wird uns nicht fehlen.“ Nun las er jedem Schauspieler einige Stellen der darzustellenden Rolle vor, um durch Ton und Haltung den Charakter anzudeuten, wie er ihn aufgefaßt wünsche. Die Becker-Neumann und Vohs als Klärchen und Brakenburg trafen schon im Lesen das Richtige und waren in der Darstellung selbst ausgezeichnet. Beck als Vansen war trefflich. Goethe las den Egmont, und abgesehen davon, daß sein Vortrag etwas zu markirt war, habe ich nie den Egmont so darstellen sehen, wie er ihn las; Iffland stand weit hinter der Auffassung Goethe’s zurück.
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