Brief
Von Johann Sulpiz Melchior Dominikus Boisserée (29. Juni 1818)
B. habe letzthin mit H. Meyer auf G.s Wohl getrunken, nichtahnend, daß wir damals Ursache hatten, um Sie besorgt zu seyn (vgl. G.s Tagebuchnotizen vom 29. Mai bis 4. Juni). Versicherung seiner und der Meinigen (M. Boisserée und J. B. Bertam) Theilnahme. - Dank für die orphischen Worte ("Urworte. Orphisch"; vgl. in: "Zur Morphologie" I 2 und "Über Kunst und Altertum" II 3), die B. als seinen Lehrbrief zu den Geheimnißen des Lebens empfunden habe. Die Worte seien aus der Tiefe der MenschenBrust zu allen gesprochen und erinnerten jeden an sein eigen geheimes Schiksal und Erlebniß, Streben, Lieben, Leiden, Hoffen. G. vermittle B. das über aus wohlthätige Gefühl, einen väterlichen lehrenden Freund zu besitzen. - Mit M. von Willemer und R. Städel habe B. jener heitern Tage des Jahrs 1815 gedacht. Dann kam aber Willemer vorgestern in sehr trauriger Stimmung ihnen nachreisend, er hat seinen Sohn in einem widerwärtigen Zweikampf verlohren. - Von Jean Pauls und A. W. von Schlegels Anwesenheit in Heidelberg werde G. durch Meyer erfahren haben; man finde bei beiden mehr an ihnen zu ertragen, als zu erfreuen. - Unter den zahlreichen Besuchern Heidelbergs sei auch W. R. Spencer, der Übersetzer von G. A. Bürgers "Lenore", mit dem B. sich über Lord Byron unterhalten habe. Spencer habe B. allerley freundliches von dem bisherigen Presidenten der antiquarischen Societaet, Baronet Englefield mitgebracht (vgl. RA 8, Nr. 49). Von Byron kenne B. nur die in der Eleganten Zeitung übersetzten Szenen aus "Manfred" (W. Gerhard "Geisterszenen aus 'Manfred'. Drama des Lord Byron, überdichtet", in: "Zeitung für die elegante Welt" 1818, Nr. 78). B. sei zwiegespalten über Byrons furchtbahr daemonisches Wesen und sage lieber mit König David lumbi mei impleti sunt illusionibus (AT, Psalmen, 37,8). - Über F. J. Schelvers Wunderheilungen mit dem blinden Hellseher (Auth): Er wolle die Welt glauben machen, ein magnetisch-Hellsehender könne das Innerste der Natur durchdringen und für jede Krankheit das wahre Heilmittel finden! - Frage, ob die allerliebste Erfindung des Kalleidoscop (durch D. Brewster) nicht in den West orientalischen Divan aufgenommen zu werden verdiente? - Mutmaßungen über G.s Pläne für eine Badekur. B. selbst gehe nach Ems. - G.s Heidelberger Freunde, die Paulus, Thibaut, Leonhard, Voß ließen grüßen. K. C. von Leonhard habe seine akademische Laufbahn mit vielen Zuhörern und großem Beifall eröffnet. - H. Voß d. J. (oder A. Voß) lasse G. den 1. Teil der Shakespeare-Übersetzungen (vgl. "Shakespeares Schauspiele", übersetzt von J. H., H. und A. Voß, Ruppert 1525) aus Rudolstadt zukommen. Ankündigung eines Briefs von H. Voß d. J.
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