Brief
Von Johann Heinrich Meyer (Mitte Oktober 1796)
Bemerkungen zu der entstehenden "Geschichte der zeichnenden Künste" von J. D. Fiorillo (Ruppert 2401); Zustimmung zu G.s Meinung. Dennoch könne das Werk für die gemeinsame Erarbeitung einer Kulturgeschichte Italiens nützlich sein. - Sobald M. die Kirchen, Paläste und Galerien zu Florenz mit ihren Kunstwerken schriftlich erfaßt habe, wolle er nach der vergleichenden Methode Gemälde bestimmter Hauptmeister in Schemata bringen, um zu einer allgemeinen Charakteristik jedes Meisters zu gelangen - Für die Wahl des Gegenstandes bey Kunstwercken nimmt M. folgende allgemeine Regel an, nach der sich eine Handlung umso besser für die bildenden Künste eigne, je vollständiger sie sich durch des Sinn des Gesichts begreifen lasse. Daher sei die Darstellung von Heiligen und somit die von stummen Gefühlen eher möglich als jene von Sentenzen, was auch durch die Gemälde W. Tischbeins "Konradin von Schwaben und Friedrich von Baden, beim Schachspiel das Todesurteil empfangend" und J. L. Davids "Schwur der Horatier" verdeutlicht werde. Entgegen des Auffassungen der Neusten Philosophischen Kunstrichter behaupte M., daß die Verklärung ein guter Gegenstand sei, so wie sie Raffael behandelt habe. Die Alten, weise und bescheiden in ihrer Arbeit, seien der obigen Regel fast durchweg gefolgt. Die Darstellung tragischer Gegenstände sei insofern eine Ausnahme, als der Künstler schon in den Ausdruck der Figuren Emotionen lege, so z. B. bei den Leiden des Laokoon. Behauptung, alle weisen Künstler wollten zwahr rühren aber nicht Entsetzen erregen. Kunstwerke, deren Stoff auf Grausamkeit basiere, gefielen nur darum, weil sich ihnen Kunst mit Natur Wahrheit & Täuschung paarten. - Zu K. Hornys ungenügenden Arbeiten für das Römische Haus in Weimar: man muß bey dergleichen Menschen auch bloß die Hände & nicht Ihren Geist & Kunst anwenden wollen. Zur Auszierung eines Zimmers gäbe es im Palast del Tè zu Mantua in der Villa Lanti zu Rom oder im Vatikan die schönsten Muster. M. empfiehlt den Ankauf einiger Abzeichnungen von Arabesken nach Raffael aus den Logen des Vatikans oder von Abgüssen antiker Ornamente. - Ausführungen zu den Ergebnissen seiner Studien über die Niobe; jetzt wolle er solche an den Statuen der Tribune, an Kindern nach Tizian sowie an dem Ewigen Vatter aus Raffaels "Visiondes Hesekiel" betreiben. - M. sende hiermit probeweise vier Zeichnungen für F. A. Leos "Magazin für Freunde des guten Geschmacks". Gerne würde er auch Zeichnungen von einigen Zimmern aus der Villa Borghese nach besten Neuen Geschmack übersenden. Für die großherzogliche Sammlung wähle er geschnittene Steine aus, die er abgießen lasse.
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