Normalzeugnis Zeugnis

Dichtung und Wahrheit VII (WA I 27, 142)

Der Graf Lindenau war schon eine Zeit lang mit dem Hofmeister seines Sohns nicht ganz zufrieden. Denn obgleich der junge Mann keineswegs vernachlässigt wurde und Behrisch sich entweder in dem Zimmer des jungen Grafen oder wenigstens daneben hielt, wenn die Lehrmeister ihre täglichen Stunden gaben, die Collegia mit ihm sehr ordentlich frequentirte, bei Tage nicht ohne ihn ausging, auch denselben auf allen Spaziergängen begleitete, so waren wir andern doch auch immer in Apels Hause zu finden und zogen mit, wenn man lustwandelte; das machte schon einiges Aufsehen. Behrisch gewöhnte sich auch an uns, gab zuletzt meistentheils Abends gegen neun Uhr seinen Zögling in die Hände des Kammerdieners und suchte uns im Weinhause auf, wohin er jedoch niemals anders als in Schuhen und Strümpfen, den Degen an der Seite und gewöhnlich den Hut unter’m Arm zu kommen pflegte. Die Späße und Thorheiten, die er insgemein angab, gingen in’s Unendliche. So hatte z. B. einer unserer Freunde die Gewohnheit punct Zehne wegzugehen, weil er mit einem hübschen Kinde in Verbindung stand, mit welchem er sich nur um diese Zeit unterhalten konnte. Wir vermißten ihn ungern, und Behrisch nahm sich eines Abends, wo wir sehr vergnügt zusammen waren, im Stillen vor, ihn dießmal nicht wegzulassen. Mit dem Schlage zehn stand jener auf und empfahl sich. Behrisch rief ihn an und bat, einen Augenblick zu warten, weil er gleich mitgehen wolle. Nun begann er auf die anmuthigste Weise erst nach seinem Degen zu suchen, der doch ganz vor den Augen stand, und gebärdete sich bei’m Anschnallen desselben so ungeschickt, daß er damit niemals zu Stande kommen konnte. Er machte es auch anfangs so natürlich, daß niemand ein Arges dabei hatte. Als er aber, um das Thema zu variiren, zuletzt weiter ging, daß der Degen bald auf die rechte Seite, bald zwischen die Beine kam, so entstand ein allgemeines Gelächter, in das der Forteilende, welcher gleichfalls ein lustiger Geselle war, mit einstimmte, und Behrisch so lange gewähren ließ, bis die Schäferstunde vorüber war, da denn nun erst eine gemeinsame Lust und vergnügliche Unterhaltung bis tief in die Nacht erfolgte. Unglücklicher Weise hatte Behrisch, und wir durch ihn, noch einen gewissen anderen Hang zu einigen Mädchen, welche besser waren als ihr Ruf; wodurch denn aber unser Ruf nicht gefördert werden konnte. Man hatte uns manchmal in ihrem Garten gesehen, und wir lenkten auch wohl unsern Spaziergang dahin, wenn der junge Graf dabei war. Dieses alles mochte zusammen aufgespart und dem Vater zuletzt berichtet worden sein: genug er suchte auf eine glimpfliche Weise den Hofmeister los zu werden.

Bezüge im Wissensnetz

Teil von (2)

Weitere Quellen

Hat Sprache (1)

GZP-Knowledge-Graph
  • Deutsch

Fand statt in (1)

GZP-Knowledge-Graph

Geschaffen von (1)

GZP-Knowledge-Graph
Cookie-Einstellungen