Normalzeugnis Zeugnis
Caroline Herder an Herder 20. 3. 1789 (Düntzer6 S. 296)
Ich habe die Fortsetzung von Tasso wieder abgeschrieben. Goethe kam dazu; er absolvirte mich hierüber, wie leicht zu denken, und grüßt Dich. Von diesem Stück sagte er mir im Vertrauen den eigentlichen Sinn. Es ist die Disproportion des Talents mit dem Leben. Er freut sich recht über mich, daß ich es selbst so gut empfinde. Der Augenblick, da der zarte Dichter bekränzt wird, ist mir recht rührend gewesen; nun ist er eingeweiht zum Leben, Lieben und Leiden! –
Die gute Kalbin ... war diese Woche bei mir ... Sie nimmt Goethens Tasso gar zu speciell auf Goethe, die Herzogin, den Herzog und die Steinin; ich habe sie aber ein wenig darüber berichtigt. Das will ja auch Goethe durchaus nicht so gedeutet haben. Der Dichter schildert einen ganzen Charakter, wie er ihm in seiner Seele erschienen ist; einen solchen ganzen Charakter besitzt ja aber ein einzelner Mensch nicht allein. So ist es mit dem Dichtertalent selbst, so mit der Kunst zu leben, die er durch den Herzog oder Antonio darstellt. Daß er Züge von seinen Freunden, von den Lebenden um sich her nimmt, ist ja recht und nothwendig; dadurch werden seine Menschen wahr, ohne daß sie eben ein ganzer Charakter lebend sein können oder dürfen. –
Das Ende der dritten Scene hat mir Goethe so eben noch geschickt. Ich habe ihn gefragt, ob Dus der Herzogin und Angelica lesen darfst; so antwortete er mir, Du könntest beliebigen Gebrauch davon machen.
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