Brief
An Johann Friedrich Cotta (24. Januar 1808)
Für Ihren freundlichen Brief am Schlusse des vorigen Jahres, den ich nebst der inliegenden Anweisung auf 300 Thaler erhalten, danke ich zum allerschönsten, nicht weniger für den Credit, den Sie mir auf eine größere Summe mit freundschaftlicher Vorsorge machen wollen. Sollte mich der Augenblick nöthigen, so mache ich Gebrauch von Ihrer Gefälligkeit. Freylich sind wir in eine Lage versetzt, die wir uns vor ein paar Jahren nicht träumen ließen. Was man sonst für die Zukunft berechnete, verzehrt nun die Gegenwart und man muß, um seinen Humor zu retten, fast wieder so liederlich denken, wie in Studentenjahren.
Uebrigens habe ich nicht zu klagen. Mein Befinden diesen Winter war gut und ich habe manches mit Vergnügen gearbeitet, woran ich Vergnügen finde, da es fertig ist; ein Fall der bey mir nicht immer vorkommt.
Die Probe vom Steindruck ist wirklich sehr merkwürdig, sowie mich die in dem Mor genblatte schon in Verwunderung gesetzt hat.
Für dieses Blatt erhalten Sie hiermit eine Nachricht vorläufig von einem neuen Wernerischen Trauerspiel, nebst den Chören die in demselben vorkommen. Das weitre folgt nächstens. Ich hoffe dieser merkwür dige Mann soll sich noch länger bey uns aufhalten. Er arbeitet unermüdet an der zweyten Auflage der Thalsöhne und dem zweyten Bande des Kreuzes an der Ostsee. Vielleicht kann ich ihn auf eine oder die andre Weise zu Gunsten Ihrer Unterneh mungen determiniren.
Sie fragten in einem Ihrer vorigen Briefe was es für eine Bewandniß haben möchte mit der neuen Ausgabe von Hermann und Dorothea durch Vieweg. Es ist eine bloße Freybeuterey. Er hat gar kein Recht dazu und hat mich auch deshalb nicht einmal ge grüßt; welches freylich ganz natürlich ist.
Wenn Sie das Fragment von Faust auch einzeln wollen drucken lassen, so habe ich nichts dagegen. Je weiter es ausgesät wird, desto besser ist es.
Für den DamenCalender müßte sich denn wohl etwas finden; doch erlauben Sie mir eine Apprehension zu äußern, die ich gegen dieses Büchelchen hege. Es ist die Einrich tung, daß Kupfer, die nicht zum Text ge hören, eingeschaltet werden. Es kann seyn, daß andre nicht so empfindlich sind; aber ich läugne nicht, schon bey fremden Arbeiten macht mir’s ein peinlich Gefühl, wenn ich mit willigem Antheil einen artigen kleinen Roman lese und auf einmal ein ganz hetero genes MutterGottesBild, oder eine Scene aus Wallensteins Lager mir der Quere kommt. Verzeihen Sie diese Bemerkung. Ich habe aber lieber aufrichtig meine Idio synkrasie bekennen wollen, als den Ver dacht zu befürchten, daß ich aus Nachläs sigkeit oder Unfreundlichkeit Ihre Wünsche nicht erfüllte.
Leben Sie recht wohl in Gelingen Ihrer vielen und mühsamen Unternehmungen.
Goethe
Weimar den 24t Januar 1808.
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