Normalzeugnis Zeugnis

J. H. W. Tischbein an Goethe 14. 5. 1821 (SchrGG 25, 20)

Ich habe mich recht herzlich gefreut einmal wieder einen Brief von Ihnen zu haben, der so viel Erinnerung aus alten Zeiten enthält, wo mir nun so viel Liebliches und auch manch Schauderhaftes vor meiner Seele schwebt. Oft bebt mir es noch durch alle meine Glieder, wenn mir das einfällt, alls wir nach Neapel reisten und der Vitorino vor der ersten Osteria nicht weit von Rom stille hielt. Wir stiegen aus und standen vor einem Abhang Erde, und besahen die verschiedenen Erdschichten, wo Lagen von Kies hinstreiften, dan wieder Erde, Streifen von weißem Sande u. d. g. Sie waren eben etwas zurück getreten, und ich stand um noch einige Kieskörner herauszupicken, als plötzlich ein schwerer Wagen mit Ochsen bespannt, den diese auf dem schregen Berge nicht halten konnten, herunterrannte und zwischen uns durchlief. Ich hatte es nicht bemerkt, als ich mich aber umwandte, sahe ich unseren Vitorino zu seinen Pferden laufen. Diese haltend und sich gegen den Ochsenführer wendend, dessen Wagen ich eben auf der Berghöhe gesehen hatte und nun unten in der Tiefe, rüf er in heftigstem Zorne, den gebogenen Finger zwischen die Zähne nehmend, alle Heiligen an, und verwies ihnen, daß sie den Menschenmord nicht erlaubten, da man doch das Messer gegen diesen Ochsenführer gebrauchen müste, der ihm bald seine Pferde gerädert und seine Sedia zerbrochen hätte. Um uns bekümmerte er sich nicht, denn das waren ja nur fremde, er wuste aber nicht was für ein seltenes Kleinod für die Welt hätte verloren gehen können. Denke ich daran, in welcher Gefahr Sie damals schwebten, so läuft mir noch jedesmal ein Schauder durch alle Glieder.

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