Normalzeugnis Zeugnis

K. v. Stein, Goethe (Wahl2 S. 2)

Zu jener Zeit kam der Herzog und sein Bruder, so auch ein Major von Knebel (der Gouverneur und Gesellschaffter des Prinz Constantin), dann ein Herr von Wedel und Herr von Einsiedel offt in meiner Eltern Haus und auch nach meines Vaters Gut Groß-Kochberg. Göthe hielt sich viel zu dieser Gesellschafft, und da der junge Herzog etwas Burschikos lebte, unzertrennlich mit Göthe war, auch einmal mit dem Pferde stürzte, so gab es viele, welche den Einfluß des jungen Göthe auf den jungen Herzog für sehr nachtheilig hielten. Zu dieser Misbilligung gehörte auch unter andern das Schlittschuhlaufen, ein vorher nur bey den untern Ständen der Stadt gebräuchliches Vergnügen. Auf Göthens Veranlaßung wurde hierzu ein Teich im sogenannten Baumgarten (eine damals herzogliche, später von Bertuch acquirierte Besitzung) erwählt. Es wurde ein transportabel Bretterhäusgen mit einem Windofen ans Ufer gebauet, mehrere Schlittenstühle angeschafft, Damen auf dem Eise spatzieren zu fahren. Die Herzoginnen kamen mit ihren Damen hinaus, und viele Herren, selbst Damen, lerneten Schlittschuh laufen. Göthens Bedienter (er hieß Seidel) ertheilte Unterricht. Dieser Diener zeichnete sich durch seinen Gang aus, den er seinem Herrn nachmachte, und was ihm umsomehr glückte, da sie ganz von einerley Größe, gerade gewachsen, etwas derbe Beine hatten, und beym gehen den Theil des Körpers, worauf man sitzt, einzogen, dagegen den Unterleib etwas vorstreckten ... Durch Göthen kamen gymnastische Übungen in Schwung, woran man früher in höheren Zirkeln nicht anders gedacht hatte als an unschickliche Beschäfftigungen. Wir lernten also auch auf Stelzen gehen, Baden, Schwimmen, ja der Herzog ließ sogar mir und meinen jüngeren Brüdern in unserem damaligen Hofe (wo jetzt der freye Platz für die Griechische Kirche ist) ein Seil zum Seiltanzen aufspannen, etwa 5 Fuß hoch von der Erde ... Von der jungen Gesellschaft war Göthe gewissermaßen die Seele, und durch ihn entstanden eine Menge Dinge, woran man vorher nicht gedacht hatte ... Die gesellschafftliche Bildung nahm auch einen interessanteren Ton an durch gesellige Spiele, auch Schauspiele, und auf meiner Eltern Gute Kochberg, wo die öfftere Anwesenheit Göthens (die er zuweilen in einem im Wohnhause noch befindlichen Schreibtische mit dem Datum aufzeichnete), desgleichen Knebels, des Herzogs, des Prinz Constantin, des Doctor Lenz, des Herrn v. Schardt, der Frau v. Schardt-Bernstorff, der Fräulein von Ilten, Fräulein Kalb, und einer Mehrzahl von Herren und Damen, im Herbste viel fröhliche Gemüter vereinte, lebte man sehr vergnügt. Göthe hatte ein besonderes Talent, angenehme Erzählungen zu machen, was er in späteren Jahren noch mehr cultivierte. An Kartenspielen wurde nie gedacht. Er kaufte sich bald an, nemlich einen Garten nebst bewohnbaren Gartenhaus an dem Fahrweg über die Wiesen nach Oberweimar führend, gelegen. Da er aber keine Wirtschafft hatte, so aß er gewöhnlich in meiner Eltern Hause mit meiner Mutter, Hoffmeister Kästner, meinen Brüdern und mir. Mein Vater aß gewöhnlich am Hoff. Seinen Wein brachte er stets mit, nach welchen er selbst in seiner Ausdünstung etwas wie alter Rheinwein roch ... Ich war sehr eingenommen von Göthen, woran wohl hauptsächlich das bewundernde Urtheil meines Hoffmeisters über ihn schuld seyn mochte, und dann das unterhaltende gesellige Wesen Göthens, gegen mich und meine Brüder, der uns mit in sein neu Gartenhaus nahm, wo wir Eierkuchen buken, was er mir lehrte in der neuen Küche. Auch schenkte er mir den ersten Degen (es war ein hübscher Stahldegen) und die erste goldene Uhr, die er mir am grünen Donnerstag im welschen Garten statt eines rothen Eies finden ließ. Mein Vater war aber nicht damit zufrieden, ich mußte sie ihm zurückgeben ... Mein Wohlwollen gegen diesen Hausfreund verkehrte sich aber plötzlich in einen lange anhaltenden Haß. Die Ursache war folgende. Er stand im Eßsaal und perorierte vor dem Camin und hatte beide Rockschöße aufgenommen, um sie nicht zu verbrennen, oder sich beßer zu wärmen. Da er neben mir etwas seitwärts stand, um die Gesellschafft neben dem Camin beßer anzusehen, und ich dadurch gewißermaßen hinter ihn, so ergriff ich leise den Blasebalg, steckte ihn unvermerkt in die hinten gewöhnlich befindliche Öffnung unter der Hosenschnalle, und begrüßte ihn mit einem unverhofften Windstos. Seine Rede wurde dadurch unterbrochen. Dieß machte ihn sehr böse, und er fuhr mich nicht nur gewaltig an, sondern drohte mir sogar mit Schlägen, wenn das wieder geschähe. Ich wär als Junge von etwa 11 Jahren zu schwach gewesen, mich gegen ihn, der wenigstens 27 Jahre alt war, zu wehren, fand mich aber durch diese Drohung entsetzlich beleidigt, und sah es für eine Ehrensache an, die ich nicht ordentlich ausgemacht und bestanden hätte. Unglückseeligerweise wußte ich keine paßende Antwort und glaubte also alles Unrecht auf seiner Seite, hielt ihn für einen Grobian und fürchtete mich doch, es ihm zu sagen. Die Bemerkungen eines Jungen von 10–12 Jahren über einen jungen Mann von 26 bis 28 sind sehr verschieden von denen, die man über denselben jungen Mann macht, wenn man 68–70 Jahre alt ist. Was mir jetzt jugendlich und lieblich vorkommt, kam mir damals als alt und sonderbar vor. So z. B., daß Göthe sich anzog wie Werther in seinen Werthers Leiden, nemlich blau mit gelber Weste und lederner Hose. Doch enthusiasmierte er mich für Tugenden, Ritterliche Brafheit, und zur Theilnahme an unterdrückter Unschuld. Von ihm bekam ich den gehörnten Siegfried, die 4 Kinder Heimon, die Heilige Genovefa, die Schöne Melusine, den Kaiser Oktavian und laß sie mit Entzücken immer wieder, ja ich vergos selbst Thrähnen darüber trotz des schrecklichen Styls, worinn diese Volksmärchen geschrieben sind. Sein Gartenhaus mit dem Schindeldach und dem großen Balcon, den er sich daran gebauet hatte, der so breit war, wie das ganze Haus, und auf den zwey Thüren führten, gefiel mir ausnehmend, und in das Bild der Cenci, welches in dem einen Zimmer hieng, verliebte ich mich so, daß ich es offt mit Thrähnen ansah. Der Einfluß, den aber Göthe damals auf das Gesellige hatte, war so widersprechend würkend, daß die fröhliche jugendliche Sorgenlosigkeit bey mir ganz verlohren gieng.

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