Normalzeugnis Zeugnis
J. Chr. Kestner an A. v. Hennings (Konzept) Herbst 1772 (*Berend1 S. 106)
Im FrühJahr kam hier ein gewisser Goethe aus Franckfurt, seiner Handthierung Dr. Juris, 23. J. alt, einziger Sohn eines sehr reichen Vaters, um sich hier, dieß war seines Vaters Absicht, in Praxi umzusehen, der seinigen nach aber, den Homer, Pindar p. zu studieren und was sein Genie, seine DenckungsArt u. sein Herz ihm weiter für Beschäftigungen eingeben würde.
Gleich Anfangs kündigten ihn die hiesigen schönen Geister als einen ihrer Mitbrüder, und als Mitarbeiter an der neuen Franckfurter Gelehrten Zeitung, beyläufig auch als Philosophen im Publico an, und gaben sich Mühe mit ihm in Verbindung zu stehen. Da ich unter diese Classe von Leuten nicht gehöre, oder vielmehr im Publico nicht so gänge bin, so lernte ich Göethen erst spät u. ganz von ohngefähr kennen. Einer der vornehmsten unsrer schönen Geister, Secret. Gotter, beredete mich einst nach Garbenheim, einem Dorf, gewöhnlichem Spatziergang, zu gehen. Daselbst fand ich ihn im Grase unter einem Baum auf dem Rücken liegen, indem er sich mit einigen Umstehenden, einem Epicuräischen Philosophen, /:v. Goué, grosses Genie:/ einem stoischen Philosophen/:v. Kielmannsegge:/ und einem Miteldinge von beyden /:Dr. Koenig:/ unterhielt u. ihm recht wohl war.
Er hat sich nachher darüber gefreuet, daß ich ihn in einer solchen Stellung kennen gelernet. Es ward von mancherley zum Theil interessanten Dingen gesprochen. Für dieses Mahl urtheilte ich aber nichts weiter von ihm, als: es ist kein unbeträchtlicher Mensch. Sie wissen, daß ich nicht eilig urtheile. Ich fand schon, daß er Genie hatte, u. eine lebhafte Einbildungskraft, aber dieß war mir doch noch nicht genug ihn schon hoch zu schätzen.
Ehe ich weiter gehe, muß ich eine Schilderung von ihm versuchen, da ich ihn nachher genau kennen gelernet habe.
Er besitzt, was man Genie nennt, u. eine ganz ausserordentlich lebhafte Einbildungskraft. Er ist in seinen Affecten heftig. Er hat eine edle Denckungsart. Er ist ein Mensch von Character. Er liebt die Kinder u. kann sich mit ihnen sehr beschäftigen. Er ist bizarre u. hat in seinem Betragen, seinem Aeuserlichen verschiedenes, das ihn unangenehm machen könnte: Aber bey Kindern, bey Frauenzimmern u. vielen andern ist er doch wohl angeschrieben.
Er thut, was ihm einfällt, ohne sich darum zu bekümmern, ob es anderen gefällt, ob es Mode ist, ob es die Lebensart erlaubt. Aller Zwang ist ihm verhaßt.*) *) Variante am Rande: Er hat sehr viel Talente, ist ein wahres Genie, u. ein Mensch von Character. Besitzt eine ausserordentlich lebhafte Einbildungskraft, daher er sich meistens unter Bildern und Gleichnissen ausdrückt. Er hat sehr viele Känntniß. Er ist in allen seinen Affecten heftig; hat iedoch oft viel Gewalt über sich. Seine Denckungsart ist edel; von Vorurtheilen frey, handelt er, wie es ihm einfällt, ohne Rücksicht auf Mode, Gewohnheit oder Meynungen. Ich wollte ihn schildern, aber es würde zu weitläuftig werden, denn es läßt sich gar viel v. ihm sagen, Er ist mit einem Worte ein sehr merckwürdiger Mensch. Er steht bey mir gleich nach Ihnen. Ich würde nicht fertig werden, wenn ich ihn ganz schildern wollte.
*) Variante am Rande: Er hat sehr viel Talente, ist ein wahres Genie, u. ein Mensch von Character. Besitzt eine ausserordentlich lebhafte Einbildungskraft, daher er sich meistens unter Bildern und Gleichnissen ausdrückt. Er hat sehr viele Känntniß. Er ist in allen seinen Affecten heftig; hat iedoch oft viel Gewalt über sich. Seine Denckungsart ist edel; von Vorurtheilen frey, handelt er, wie es ihm einfällt, ohne Rücksicht auf Mode, Gewohnheit oder Meynungen. Ich wollte ihn schildern, aber es würde zu weitläuftig werden, denn es läßt sich gar viel v. ihm sagen, Er ist mit einem Worte ein sehr merckwürdiger Mensch. Er steht bey mir gleich nach Ihnen.
Ich würde nicht fertig werden, wenn ich ihn ganz schildern wollte.
Für dem weiblichen Geschlecht hat er sehr viele Hochachtung. Er ist sehr bilderreich u. drückt sich gemeinglich mit Gleichnissen, mit Bildern aus. Er pflegt auch wohl selbst zu sagen, daß er sich immer uneigentlich ausdrücke, niemahls eigentlich ausdrücken könne: wenn er aber älter werde, hoffe er die Gedancken selbst wie sie wären zu denken u. zu sagen.
In Principiis ist er noch nicht fest, u. strebt noch erst nach einem gewissen System.
Um etwas davon zu sagen, so hält er viel vom Rousseau, ist iedoch kein blinder Anbeter von demselben.
Er ist nicht, was man orthodox nennt. Jedoch nicht aus Stolz oder Caprice oder um was vorstellen zu wollen. Er äusert sich auch über gewisse Haupt-Materien gegen wenige; stöhrt andere nicht gern in ihren ruhigen Vorstellungen.
Er haßt zwar den Scepticismum, strebt nach Wahrheit u. nach Determinirung über gewisse HauptMaterien, glaubt auch schon über die wichtigsten determinirt zu seyn, so viel ich aber gemerckt, ist er es noch nicht. Er geht nicht in die Kirche, auch nicht zum Abendmahl, betet auch selten. Denn sagt er, ich bin dazu nicht genug Lügner.
Zuweilen ist er über gewisse Materien ruhig; zuweilen aber nichts weniger, wie das.
Vor der Christlichen Religion hat er Hochachtung nicht aber in der Gestalt, wie sie unsere Theologen vorstellten.
Er glaubt ein künftiges Leben, einen besseren Zustand;
Er strebt nach Wahrheit; hält iedoch mehr vom Gefühl derselben, als von ihrer Demonstration.
Er hat schon viel gethan u. viele Känntnisse; viel Lecture aber doch noch mehr gedacht u. raisonniret. Aus den schönen Wissenschaften u. Künsten hat er sein Haupt-Werck gemacht, oder vielmehr aus allen Wissenschaften, nur nicht denen sogenanten Brodwissenschaften.
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