Normalzeugnis Zeugnis

A. Gyrowetz, Autobiographie (Gyrowetz S. 17)

Kurz darauf erschien der schon damals berühmte Schriftsteller und Dichter Göthe, welchen der Großherzog von Weimar nach Sicilien schickte, um dort die Merkwürdigkeiten der Natur zu besehen und zu beschreiben ... Einstweilen blieb Göthe für einige Zeit in Rom, und es both sich dem Gyrowetz die erwünschte Gelegenheit dar, dessen nähere Bekanntschaft zu machen; so geschah es, daß Gyrowetz in Göthe’s Gesellschaft die Merkwürdigkeiten und Alterthümer Roms besah, manche alte Ruine selbst mit Gefahr bestieg, und auf diese Art die meiste Zeit in Durchschauung und Durchkriechung verfallener Denkmähler und in Bewunderung so mancher künstlerischer Schätze zubrachte. Die Bäder des Caracalla wurden durchsucht, wo man auf lauter Mosaik-Bruchstücken herumwandelt, und noch die Säle zu sehen sind, worin die Gladiatoren ihre Spiele übten, und auch sonstige Volks-Unterhaltungen ausgeführt zu werden pflegten. Auch fand man unter diesen Ruinen zuweilen einige Bruchstücke von alten musikalischen Instrumenten, welches dann Gelegenheit gab, über alte und neue Musik und deren Ausübung und Zustand Manches zu sprechen und zu bemerken, worin auch Göthe bewies, daß er einen richtigen Begriff von gründlicher und wohlgeordneter Musik besaß, und nicht mit denjenigen gleicher Meinung war, welche jede Musik, geordnet oder ungeordnet, für klassisch halten, wenn selbe durch bizarre ungeregelte Ideen, durch Getöse und Lärm, oder durch verwirrte Modulationen dem Ohre fremd klingt, und so etwas in der Musik für neu halten, weil es eben durch seine Unregelmäßigkeit und Systemlosigkeit ihrem Ohr als ungewöhnlich erscheint, und womit sich so manche, selbst verständig scheinende Musiker gröblich täuschen lassen. Wenn diese Durchsuchungen und Beschauungen so vieler Alterthümer zum Theil beendet waren, und der Tag sich zu neigen schien, wurde eine Abendgesellschaft beschlossen, in der sich mehre Künstler und Schriftsteller einfanden. Man bildete einen Kreis in Mitte eines großen Zimmers, in welchem sich ein Kessel mit glühenden Kohlen befand, der die Anwesenden, weil es damals schon Winter war – (nach Art der Römer) vor Kälte schützte, und sie in Vertraulichkeit einander näher brachte. Göthe führte den Vorsitz. Gespräche aller Art wurden nun gewechselt; ein Jeder erzählte die besonderen Ergebnisse seines Lebens. Abenteuer und Zufälligkeiten der Umstände bildeten den Stoff der Erzählungen, bis die spätere Abendzeit einbrach und einige Erfrischungen aufgetischt wurden, welche in Brot, Käse, Salami und derlei kalten Speisen bestanden, wozu denn auch Bier, welches ein deutscher Bräumeister in Rom gebräut hatte, gebracht wurde; auf diese Art verging der Abend auf eine sehr angenehme Weise, und gegen 2 oder 3 Uhr Morgens trennte sich die Gesellschaft, und Jeder ging nach seiner Wohnung um auszuruhen, und sich für den künftigen Tag vorzubereiten. Diese Lebensweise wurde so lange fortgesetzt, bis Göthe Rom verließ und nach Neapel verreiste.

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