Normalzeugnis Zeugnis
J. A. Günther an Unbekannt 30. 12. 1778 (GJb 18, 52)
Hätt ich Dich hier, wie solltest Du laut jauchzen über die herrliche Landschaft, die hier vor meinen Fenstern ausgebreitet liegt! ... Auch neidet mich jeder um mein Zimmer, und zur Zeit der Visitation hats ein Hr: von Meckeln bewohnt, der der dritte war in dem herrlichen Kleeblatt mit Göthe und Jerusalem, die denn immer hier ihre gemeinsame Niederlage hatten.
Ich will Dir doch nun die Geschichte erzählen von Göthe und dem sel. Jerusalem, die den ganzen Stoff zum Werther angiebt, so wie ich sie hier aus dem Munde der Augenzeugen und besonders der Puffschen Familie gesammelt habe.
Göthe und Jerusalem lebten hier Wetzlar in herzlicher Eintracht und ganz gleichen Gesinnungen; jeder Mensch war ihnen desto willkomner, je natürlicher er war, und so waren sie hier denn ganz in ihrem Element, nahmen innigen Antheil an jede gesellige Freude, und verschlossen übrigens in ihrem Herzen alle Empfindung, die für diese Atmosphäre zu kräftig war, denn sie hätten nur den guten Seelen hier den unbefangnen Genuss ihres Lebens leid gemacht. Göthe war ganz offen für jedermann, und für jede Art von Freude empfänglich; Jerusalem mehr verschlossen, und hatte den Grundsatz des Polonius, seine Freundschaft nicht jeder neuausgebrüteten noch unbefiederten Bekanntschaft Preis zu geben; aber wenn er sich einmal anschloss, so wars auch so innig, dass nicht Leben noch Tod ihn losreissen konnte von seiner Liebe. Aus diesem Grundzug in beider Charakter erklärt sich alles in der Geschichte ihres folgenden Lebens; und diese dem Anschein nach so differenten Grundzüge hat Göthe so treflich in einander zu verschmelzen gewusst, dass das herrliche Bild daraus geworden ist, was nun im Werther da steht.
Göthe hatte seine gewöhnliche Niederlage in Garbenheim, und machte auf einem Ball vor der Stadt Bekanntschaft mit Lotte Puff, die damals an ihren itzigen Mann, den Sekretär Küstner schon versprochen war, wie das alles im Buch geschrieben stehet. Der Umgang dauerte theils in der Stadt, theils auf dem Lande vort, bis Küstner kam; und mittlerweil sammelten sich all die herrlichen Situationen, die Du aus dem ersten Theil kennst. Die Augen von ganz Wetzlar waren auf einen Mann gerichtet, den sie nicht begreifen konnten, der bald am Markttag alle Kirschen am ganzen Markt aufkaufte, alle Kinder in der Stadt zusammentrommelte, und dann mit der Karavane nach Puffs Hause zog, wo er die Kinder all im Kreise um die Körbe herstellte, und Lotte ihnen Butterbrodt dazu schnitt, bald wieder auf den Dörfern herumzog und sich selbst seine Erbsen absämte und kochte. Küstner war schon im Begriff, seine Lotte zu lassen, weil er das nun nicht in ihr zu finden hoffte, was sein ganzes Verlangen war, eine treue Gehülfinn des Lebens: als Göthe unter vieler Beklemmung und Thränen den herrlichen Abend feierte, mit dem sich der erste Theil schliesst, und dann als ehrlicher Mann wegging, da er als ehrlicher Mann nicht mehr bleiben durfte. Auch ist er seitdem nie wieder nach Wetzlar kommen, hat Lotte auch bis dahin noch nie wieder gesehn.
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