Normalzeugnis Zeugnis

F. H. Jacobi an Amalie Fürstin Gallitzin 11. 10. 1784 (Roth 1, 372)

Nun erreichte ich endlich Weimar. Die Geschichte meines dortigen Aufenthalts ist zu reich, als daß ich sie erzählen könnte. Göthe war, nach einem langen Herumreisen im Harz, eben nach Hause gekommen. Wegen der mit einem solchen Zuge verknüpften Ungewißheiten hatte er sich, nachdem er Braunschweig verlassen, nichts mehr nachschicken lassen. Er fand also nach seiner Zurückkunft meine beiden Briefe, war voll Sorge, ich möchte nicht mehr kommen, und wurde nun, da er mich unversehens in sein Zimmer treten sah, vor Freude blaß. Herders Seele öffnete sich mir gleich nach den ersten Umarmungen. Es war uns allen unaussprechlich wohl. Den 25sten kam nun auch Claudius. Aber Sie, liebe Amalia, kamen nicht. Nach mir und meiner Schwester trauerte niemand mehr darüber als Göthe. Er hatte über Ihren großen Schattenriß eine unsägliche Freude. Mein Vorsatz war, ihn nur eine Copie davon nehmen zu lassen; aber er eignete sich ihn so eifrig zu, daß ich unmöglich dagegen an konnte. Von der vornehmen Gesellschaft haben wir uns nicht stören lassen. Ich weiß wohl, sagte Göthe, daß man, um die dehors zu salviren, das dedans zu Grunde richten soll; aber ich kann mich denn doch nicht wohl dazu verstehen. Am 29sten reiste ich ab.

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