Normalzeugnis Zeugnis

Dichtung und Wahrheit VII (WA I 27, 145)

Der Verlust eines Freundes, wie Behrisch, war für mich von der größten Bedeutung. Er hatte mich verzogen, indem er mich bildete, und seine Gegenwart war nöthig, wenn das einigermaßen für die Societät Frucht bringen sollte, was er an mich zu wenden für gut gefunden hatte. Er wußte mich zu allerlei Artigem und Schicklichem zu bewegen, was gerade am Platz war, und meine geselligen Talente herauszusetzen. Weil ich aber in solchen Dingen keine Selbstständigkeit erworben hatte, so fiel ich gleich, da ich wieder allein war, in mein wirriges störrisches Wesen zurück, welches immer zunahm je unzufriedner ich über meine Umgebung war, indem ich mir einbildete, daß sie nicht mit mir zufrieden sei. Mit der willkürlichsten Laune nahm ich übel auf, was ich mir hätte zum Vortheil rechnen können, entfernte manchen dadurch, mit dem ich bisher in leidlichem Verhältniß gestanden hatte, und mußte bei mancherlei Widerwärtigkeiten, die ich mir und andern, es sei nun im Thun oder Unterlassen, im Zuviel oder Zuwenig zugezogen hatte, von Wohlwollenden die Bemerkung hören, daß es mir an Erfahrung fehle. Das Gleiche sagte mir wohl irgend ein Gutdenkender, der meine Productionen sah, besonders wenn sie sich auf die Außenwelt bezogen ... Auch meinem Freunde Behrisch hatte ich manchmal zugesetzt, er solle mir deutlich machen, was Erfahrung sei? Weil er aber voller Thorheiten steckte, so vertröstete er mich von einem Tage zum andern und eröffnete mir zuletzt, nach großen Vorbereitungen: die wahre Erfahrung sei ganz eigentlich, wenn man erfahre, wie ein Erfahrner die Erfahrung erfahrend erfahren müsse. Wenn wir ihn nun hierüber äußerst ausschalten und zur Rede setzten, so versicherte er, hinter diesen Worten stecke ein großes Geheimniß, das wir alsdann erst begreifen würden, wenn wir erfahren hätten, – und immer so weiter: denn es kostete ihm nichts, Viertelstunden lang so fortzusprechen; da denn das Erfahren immer erfahrner und zuletzt zur wahrhaften Erfahrung werden würde. Wollten wir über solche Possen verzweifeln, so betheuerte er, daß er diese Art sich deutlich und eindrücklich zu machen, von den neusten und größten Schriftstellern gelernt, welche uns aufmerksam gemacht, wie man eine ruhige Ruhe ruhen und wie die Stille im Stillen immer stiller werden könnte.

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