Brief
Von Franz Bernard Joseph von Bucholtz (24. Mai 1818)
Erinnerung an einen Brief G.s vor vier Jahren, in dem er vorausgesagt habe, daß das Misverhältniß, welches in Deutschland aus verschiedenartiger, getrennter Bildung und Gesinnung entstehe, in der nächsten Zeit wahrscheinlich noch immer zunehmen müße, weil nun noch diejenigen hinzukämen, welche durch kriegerische Thatkraft die heilsame Veränderung bewirkt hätten. Dies habe sich bewahrheitet. Bitte, G. möge ihn nun aus seiner nachfolgenden [...] Beobachtung über die Natur vorliegender Übel unterrichten und bereichern. Es scheine B., als ob sich eine breite Maße von Mittelmäßigkeit, [...] unter Leitung oft sehr untergeordneter Talente, zu einer Art von Erstürmung der Wahrheit und Beherrschung von Gemüth und Natur aufmache. G. habe damals 'grau' gesehen, um nicht schwarz zu sehen; 'ja zuweilen', waren Ihre verehrten Worte 'erscheint mir dieses Gemisch 'farbig und bunt'. Frage, wie G. jetzt sehe, welche Natur jene Bewegung in Maße hat, und wieviel davon zu befürchten? von was die Abwendung noch zu hoffen? Es werde in Deutschland eine Gesetzgebung nötig sein, um diejenigen Mittel zu beschränken, oder zu zügeln, welche vorzugsweise auf die Menge zu wirken geeignet sind; sey jene nun juridischer oder nur polizeylicher Art. Die Hauptaufgabe der Zeit verlange mehr als Maßnahmen gegen Journalwesen, Verbindungen, Verschmelzungen und öffentliche Zusammenkünfte. Die große Bewegung der Freyheit und Unfreyheit [...] lenken und richtend bestimmen zu wollen, wäre wohl ebenso vergeblich, als bedenklich. Dies hindere nicht, mit einer gemeinsamen Gesetzgebung gegen falsche Ideen vorzugehen. Sie müßte für Deutschland, welches ja wohl noch immer als der Mittel- und Entscheidungspunkt für die das Zeitalter beherrschenden Ideen betrachtet werden muß, von höchster Wichtigkeit sein. Nach der Niederschrift dieses seien B. Zweifel gekommen: wozu die Theorie über den allgemeinen Gang der Zeit? Er ist dem Gewitter zu vergleichen, dessen Lauf niemand zu lenken vermag. Der Einzelne richte seinen Geist, und seine Thätigkeit aufs Einzelne. Bitte um Mitteilung einiger Gedanken über diese Gegenstände. - Grüße an A. von Goethe.
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