Normalzeugnis Zeugnis

Chr. F. Neander an Elisa v. d. Recke 12. 5. 1784 (Clemen1 S. 13)

Ich nehme mir die Freiheit, Ihnen ein paar Anekdoten von Wieland und Göthe mitzutheilen ... Ich schreibe sie aus dem Briefe meines Sohnes hier ab: „Ehe Oberon ans Licht getreten war, waltete zwischen Wieland und Göthe eine kleine Mishelligkeit. Der Verfasser des Oberons schickt, sobald dieser gedruckt, dem Herrn Geh. Rath Göthe ein Exemplar, und dieser erhälts, da er eben im Begriff ist, zur Gerichtsstube zu fahren. Er lieset und kann nicht aufhören. Sein Bedienter meldet den Wagen, er hört nicht. – „Ihro Excellenz, die Uhr hat 10 geschlagen.“ – „Mag sie doch 11 geschlagen haben, ich kann heute nicht fahren, und wenn einer mich sprechen will, so sagt, ich habe nicht Zeit.“ – Darauf entfernt er sich in ein Nebenzimmer, liest den Oberon völlig durch und lässet gleich den Herrn Hofrath Wieland zu sich bitten. Sobald der erscheint, ergreift Göthe einen jungen Lorbeerbaum, den er selbst erzogen und den sonst Niemand hat anrühren dürfen, reißt Zweige davon ab, windet einen Kranz und überreicht ihn Wielanden mit einem herzvollen Kuß.

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