Normalzeugnis Zeugnis

W. v. Humboldt an Caroline v. Humboldt 7. 4. 1797 (Sydow 2, 36)

Goethe ist unendlich gut und freundschaftlich, und es lebt sich sehr schön so nah und allein mit ihm. Zwar allein seh ich ihn gewöhnlich nur die Abende, aber die sind auch überaus hübsch. Er ist so vertraulich, spricht so leicht über die Dinge, die ihm die liebsten sind, wird so schön davon erwärmt und erscheint ganz, zugleich in der eignen Zuversicht und Bescheidenheit, die ihm so ausschließend eigen sind. Auf die Freude und den Nutzen, den ihm das Zusammenleben mit Schiller gibt, kommt er sehr oft zurück. Nie vorher, sagt er, hätte er irgend jemand gehabt, mit dem er sich über ästhetische Grundsätze hätte vereinigen können; die einzigen wären noch Merck in Darmstadt und Moritz gewesen; allein obgleich beide mit ihm in Absicht des Takts übereingekommen wären, so hätte er sich wenig mit ihnen verständigen können. Zwanzig bis fünfundzwanzig Jahre hätte er also so ganz über sich allein gelebt, und daher sei es mit gekommen, daß er in einer ganzen langen Zeit so wenig gearbeitet habe. Desto rüstiger scheint er jetzt. Den Plan von Hero und Leander hat er zwar ziemlich aufgegeben; er meint, es sei ein fremdes Sujet, das sich nie recht frei würde behandeln lassen. Aber dafür hat er mir seinen andern Plan erzählt, von dem mir schon Schiller sagte. Dieser Stoff ist aus höhern Ständen genommen, und damit er doch alles Förmliche los wird und eine reine und volle Natur bekommt, hat er eine Jagdpartie gewählt. Nur bei der Jagd, meint er, zeige sich noch etwas dem Heldenalter gleichsam Ähnliches, weil doch da jeder selbst tätig sein, selbst Hand anlegen muß. Er läßt einen deutschen Erbprinzen, der mit im Kriege gewesen ist, im Winter zu seiner Familie zurückkommen. Der erste Gesang fängt mit einem Frühstück an, das nach einer geendigten Schweinsjagd genommen wird. In den Gesprächen, die bei dieser Gelegenheit entstehen, findet er Veranlassung, über den Krieg, über das Schicksal der Staaten usw. zu reden und so das Interesse auf einen weiten Schauplatz hinaus zu spielen. Plötzlich kommt die Nachricht, daß in einem benachbarten kleinen Städtchen beim Jahrmarkt Feuer ausgekommen sei und bei der Verwirrung, die dadurch entsteht, wilde Tiere losgekommen wären, die man da sehen ließ. Nun macht sich der Prinz und sein Gefolge auf, und die heroische Handlung dieses epischen Gedichts ist nun eigentlich die Bekämpfung dieser Tiere. Der Plan gefällt mir sehr, es scheint mir ein schöner und so natürlicher Kunstgriff, die prächtigen und wunderbaren Gestalten, die Löwen, Tiger usw. auf einheimischen Boden zu versetzen. Auch das Feuer ist ein schöner Gegenstand der poetischen Schilderung. Mehr vom Detail hat er mir noch nicht gesagt. Zum Hermann wird sich dieses Gedicht schön stellen. Der Hermann ist so durchaus rührend; er hat überall den Menschen, das Schicksal, den Wechsel, dem das Privatglück unterworfen ist, zum Hintergrunde, dies wird prächtiger und feuriger, es wird weniger idyllenartig auf einzelne Lagen, friedlichen Genuß, noch mehr episch auf große Massen, Staaten und Völker, kühne Unternehmungen usw. hinweisen. Der ganze Ton von Anfang herein soll dies ankündigen und jeder Umstand dazu passen. So erscheint z. B. im Hermann die Feuersbrunst schon wie sie verglimmt und nur noch der letzte Rauch aufsteigt; in diesem neuen Gedicht schlagen die vollen Flammen noch wild übereinander. Was diesen Goetheschen Gedichten ein so schönes Leben und diese bewundernswürdige Individualität gibt, ist, daß er nichts schildert, was er nicht ganz oder doch einigermaßen gesehen hat. Davon geht er überall aus, und da er nun auf der andern Seite diesen feinen und hohen Kunstsinn hat, so erkläre ich mir dadurch die unnachahmliche Haltung, in der immer Natur und Kunst bei ihm stehen, wo nie etwas anders, als die volle und reine Natur, und doch nie die bloße Natur, nie etwas Materielles erscheint.

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