Normalzeugnis Zeugnis

J. G. Gruber, Wielands Leben (Gruber1 S. 255)

Herder rüstete sich um eben jene Zeit zum Kampfe gegen die Kantische Philosophie ... Während dessen hatte Göthe, zufolge seiner gewohnten objektiven Ansicht der Dinge, und seiner größeren eben hieraus entspringenden, epischen Ruhe sein besonderes Interesse daran, vornehmlich in Beziehung auf Naturwissenschaft und Kunst, und erklärte: „Wir sehen diese Philosophie als ein Phänomenon an, dem man auch seine Zeit lassen muß, weil Alles seine Zeit hat.“ ... Da schloß sich Göthe enger an Schiller, Herder an Wieland an ... Kein Wunder, wenn unter solchen Verhältnissen jetzt auch zwischen Wieland und Göthe eine Spannung entstand, die aber der Letztere bald hob, da er durch einen schönen Zug Wielanden innigst erfreute. Eben um jene Zeit war nämlich dieser mit Ausfeilung seines Oberon beschäftigt. Da nun Göthe urtheilte, daß Wieland bei der neuesten Ausgabe seiner Werke sich der Feile bisweilen ein wenig über die Gebühr bedient habe, so kam er zu ihm, und bat, daß nicht auch dem Oberon also geschehen möchte. Er erbot sich, seine Bemerkungen und Ansichten Wielanden mitzutheilen, und zu diesem Behuf den Oberon gemeinschaftlich mit ihm zu lesen. Endlich kommen beide darin überein, daß Wieland seine Umänderungen jedesmal Göthen mittheilen solle, und daß sie dann darüber sich berathen wollten. So geschah es dann auch, und Wieland befolgte Göthe’s Rath an mehreren Stellen unbedingt; nur an einer wollte er nicht nachgeben. „Nachher, sagte er, habe ich wohl gesehen, daß Göthe auch da Recht hatte, und eigentlich in allen Stücken; allein ich wollte doch auch einmal Recht haben.“

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