Normalzeugnis Zeugnis

K. F. Klischnig, Erinnerungen aus den zehn letzten Lebensjahren meines Freundes Anton Reiser (Klischnig S. 212)

Reiser glaubte in einem jeden Meisterwerke, der Wissenschaft sowohl als der Kunst, müsse sich ein gewisser Punkt auffinden lassen, von welchem aus man die Zweckmäßigkeit des Ganzen allein zu beurtheilen im Stande sey. In diesen Punkt müßten alle Theile, wie die Radien eines Zirkels in dem Mittelpunkt desselben, zusammentreffen, und aus diesem Gesichtspunkt betrachtet, sich uns als nothwendig, ihrem Wesen und ihren Stellungen nach, darstellen. Diesen Punkt zu finden hielt er freilich in manchen Fällen für sehr schwer, und nur mit vieler Mühe hatte es ihm bei einigen Werken geglückt. In Werthers Leiden fand er ihn in dem Briefe, wo dieser an seinen Freund schreibt: „Es hat sich vor meiner Seele wie ein Vorhang weggezogen, und der Schauplatz des unendlichen Lebens verwandelt sich vor mir in den Abgrund des ewig offnen Grabes. Kannst du sagen: das ist! da alles vorübergeht? u. s. w. Hier fängt die Katastrophe an: das Auge des Unglücklichen ist getrübt. Wenn das Thal um ihn dampft, und er im hohen Grase am fallenden Bache liegt, fühlt er nicht mehr, wie sonst, die Gegenwart des Allmächtigen, der uns nach seinem Bilde schuf, das Wehen des Alliebenden, der uns, in ewiger Wonne schwebend, trägt und erhält.Es hat sich ein Vorhang vor seine Seele gezogen. Er sieht in der herrlichen Natur nichts als ein ewig verschlingendes, ewig wiederkäuendes Ungeheuer. Er muß nun fallen! – Er theilte seine Gedanken dem Herrn von Göthe mit, dieser ermunterte ihn, darüber etwas auszuarbeiten.

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