Normalzeugnis Zeugnis
D. Veit an Rahel Levin 14. 8. 1795 (Varnhagen2 2, 167)
Und so habe ich denn Goethe oft gesprochen, in der ersten Viertelstunde über Sie gesprochen, und Horn auch. Das mag Sie trösten; denn Horn kann es Ihnen erzählen; jeder von uns hat ihn einzeln gesprochen; ich bei weitem am längsten, und über mehrere Materien.
Er redete mich auf dem Ball von selbst sehr freundschaftlich an, fragte in der Geschwindigkeit nach den Oertern, die ich passirt hätte; ich nannte Töplitz und Sie, und sagte ihm, wiewohl ganz flüchtig, daß ich Sie schon sehr lange kennte, und Ihrentwegen nach Töplitz gereist wäre. Nicht um zu urtheilen, sondern um unwillkürlich mit seinen Empfindungen auszubrechen, sagte er: „Sie haben sehr recht gethan; o die Levin hat sehr viel gedacht, hat Empfindungen und Verstand, es ist was Seltnes; das muß ich sagen – wo findt man das? Wir haben auch so vertraut zusammen gelebt, wir waren beständig zusammen. Ja – das ist gewiß. Nun, wenn Sie sie lange nicht gesehen hatten, ja freilich u.s.w. und dabei lauter freundliche Gesichter, und beständig entourirt, im Geschrei sagte er mir das immer weiter. Wir gingen auseinander; ich sprach mit Meyer’s ... Während des dicksten Tanzes war Goethe eine Zeit lang frei; Horn tanzte, und ich konnte die Zeit abwarten. Ich ging zu ihm hin, und redete ihn mit den Worten an: „Sie werden wohl noch einige Zeit hier bleiben, Herr Geheimerath?“ G. „Länger als ich dachte – o setzen Sie sich – so lange es hübsch ist; ich habe so viel Freunde hier, man macht hübsche Bekanntschaften, und so weiß ich noch nicht, wann ich abgehe; aber dann komme ich wieder nach Jena (er ist hier) und arbeite.“ Darauf kamen wir in ein Gespräch über seine anatomischen Arbeiten, von denen er sagte, er hätte sie schon zehnmal zum Druck fertig gehabt, und ebenso oft wieder unterdrückt; es wäre unendlich schwer auszuführen; „wir befinden uns in einem Chaos von Kenntnissen, und keiner ordnet es; die Masse liegt da, und man schüttet zu, aber ich möchte es gerne machen, daß man wie mit einem Griff hinein griffe und alles klar würde; es ist nun nicht mein Fach; ich treibe es aus Begierde, aus Leidenschaft; ich will gerne zeigen, daß alles auch hier einfach ist, wie in den Pflanzen; daß aus Knochen alles deduzirt werden kann; aber noch sehe ich das Ende nicht; vor jedem neuen Buch erschrecke ich; denn es ist den Versuchen nicht zu trauen; achten muß man darauf, und in einem Menschenleben macht man nicht alle nach. Es ist überhaupt mein Grundsatz: den umgekehrten Weg einzuschlagen; man hat bisher so viel Hypothesen in der Naturlehre gemacht; das ist falsch; denn für meine Meinung finde ich immer Gründe in dem Unendlichen der Natur; die Kräfte sind so mannichfaltig, daß ich immer einige derselben unter einen Gesichtspunkt bringen kann, wenn er auch unrichtig ist; hier muß man viel Versuche machen, um nicht zu irren; in der Naturgeschichte hingegen hat man immer klassifizirt und neben einander gestellt, ohne zu raisoniren; hier kann man Hypothesen wagen; denn die Fehler sind leicht zu finden; jeder Knochen, jede Pflanze, die mir in die Hände fällt, widerlegt mich.“ Ueber diese Materie haben wir noch lange gesprochen, und nun kommt Ihr Triumph, meine liebe Rahel; eine Sache, die Sie kaum glauben werden, die ich so unglücklich bin, Ihnen schreiben zu müssen. Hören Sie! ich sprach mit ihm über den litterarischen Sanskulottismus (Horen, fünftes Stück) und sagte ihm geradezu: „Herr Geheimerath, Sie werden es vielleicht für Arroganz, für Unbescheidenheit halten, aber es ist wirklich keines von beiden; ich muß Ihnen sagen, daß mir Ihr litterarischer Sanskulottismus eine große Freude war; wenn man selbst jung ist, so kann man nichts lieber hören, als wenn ein Mann wie Sie, mit einer solchen Deutlichkeit an seine Jugend denkt, und so warm sich für die jetzigen größeren Fortschritte interessirt“, u.s.w. Goethe. Unbescheidenheit? warum? es ist mir sehr lieb, daß Sie mir das sagen; sehr lieb. Sagen Sie, warum soll man dabei still sein? Ich habe dem ganzen Gang so mit zugesehen; ich, und wenn ich auch nicht gewirkt habe, so glaube ich doch, daß ich nicht ohne Wirkung gewesen bin; und nun kommt Einer, und sagt: „es ist nichts, und wir haben nichts.“ Daß ich so immer den Gang mit weiter mache, und mich daran vergnüge, das muß ich ja thun; das, was mir entgegen wächst, entgegen kommt, was aufsproßt, – anderer Leute Kinder oder meine, hier einerlei, – das ist ja das Leben; was erinnert mich sonst, daß ich bin und wie ich bin? Ich sehe ja, daß man weiter kommt, und man will mich überreden, daß man zurück gehe?“ u.s.w. Wir haben über eine Stunde mit einander gesprochen; ich nicht weniger als er; diese Hauptsachen habe ich Ihnen schreiben können. Was sonst noch passirt ist, ist größtentheils unbedeutend, und soll der Inhalt künftiger Briefe sein.
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