Brief

Von Friedrich (genannt Maler Müller) Müller an ? Goethe (zwischen 5. Dezember 1818 und Mitte Januar 1819)

Bitte um Vermittlung in einer für M. wichtigen Angelegenheit: P. E. von Schneider habe im vergangenen Sommer während seines Aufenthalts in Rom in Begleitung von J. A. Ackermann bei M. die Zeichnung "Tod des Agamemnon" in Auftrag gegeben. Nach Schneiders Abreise habe M. die Zeichnung angefertigt und W. F. Gmelin, der Schneiders Geschäfte besorge, übergeben. Eineinhalb Monate später habe Gmelin M. mitgeteilt, daß Schneider keine Zeichnung bestellt habe. M. vermute nun, ihm feindlich gesinnte Personen wollten verhindern, daß seine Arbeit gemeinsam mit bei anderen Künstlern beauftragten Werken nach Frankfurt gesandt würde. Unabhängig vom Gewinn müsse M. auf seine Ehre als Mensch und Künstler achten, zumal nicht wenige die Zeichnung bei M. gesehen hätten und er vor diesen nicht als Lügner dastehen wolle. M. habe Schneider in dieser Hinsicht bereits geschrieben. Was den künstlerischen Wert seiner Zeichnung betreffe, so bitte er G. um ein entscheidendes Urtheil [...] vor dem deutschen Publicum. M. ergreife die Gelegenheit, mittels eines verehrten Freundes (G. Brentano) G. die Zeichnung zukommen zu lassen. - Ausführlich über M.s Lage als Mensch und Künstler: Angelangt in Rom, habe M. die Kunst- und Kennerwelt in zwei Parteien geteilt vorgefunden: die des A. R. Mengs und die des P. G. Batoni. Trotz seiner Verehrung für beide Künstler sei M. der Meinung gewesen, daß keiner der beiden einem Vergleich mit den Älteren wie Raffael standhalte. Aufgrund seiner Neigung, nach innerer Überzeugung rein meine Meynung zu sagen, sei er das Ziel zahlreicher Anfeindungen geworden, etwa seitens jener zahlreichen Künstler, welche durch die Nachahmung der altdeutschen und alt italienischen Meister in der Mahlerey den deutschen und zugleich christlichen Stil zu begründen vermeinen. G. habe sich kürzlich dazu mit so viel Einsicht geäußert (vgl. H. Meyer "Neu-deutsche religios-patriotische Kunst", in: "Über Kunst und Altertum" I 2). - So sehr M. die ältere Kunst bewundere, so wenig komme ihm in den Sinn, diese als unkritisierbare Norm zu betrachten. Es sei ihm erfreulich gewesen, daß sich Ende des vergangenen Jahrhunderts Künstler gleichermaßen mit Leonardo da Vinci, Raffael, Michelangelo und Masaccio beschäftigten. Auch der in der bildenden Kunst, Musik und Dichtung begabte Engländer W. Y. Ottley habe sich der älteren manir zugewandt und ein Werk zu schreiben begonnen, zu welchem er von T. Piroli Kupferstiche nach Giotto, Cimabue, Tafi und anderen Florentiner Meistern habe stechen lassen (vgl. "A Series of Plates ... of the Early Florentine School"). Er sei nach England gereist, um dort sein Werk zu vollenden. Nach Rom zurückgekehrt sei er aber nicht als Maler, sondern als völliger Dilettante der Tonkunst. Als solcher habe er sich die alten Kirchenmusiken eines G. P. da Palestrina und P. Vinci angeeignet. Sein Hauptgeschäft habe aber im Erwerb alter Kunstwerke bestanden, bei deren Begutachtung M. die Bekanntschaft Ottleys habe machen können. Leider habe M. Abzüge der bei Piroli befindlichen Kupferplatten nicht erhalten können. M.s Meinung zufolge sei Ottley der erste gewesen, der sich intensiv mit den Florentiner Meistern beschäftigt habe; erst nach ihm hätten sich jene weiteren Ereignisse ergeben, die G. in seiner Darstellung über dieses moralisch artistische Phänomen ausgeführt habe.

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