Brief
Von Wilhelm von Humboldt (24. November 1796)
Da W. E. F. von Wolzogen nicht nach Erfurt habe kommen können, werde H. jetzt dessen Frau nach Meiningen begleiten. Deshalb bitte er, G.s Einladung zum Sonnabend wohl zum Dienstag Mittag (29. November) verlegen zu dürfen. W. T. J. von Burgsdorff freue sich, bei dieser Gelegenheit G.s Bekanntschaft machen zu können. - Über C. G. Körners Brief an Schiller vom 5. November 1796 zu "Wilhelm Meisters Lehrjahren". Der Brief scheine zu den seltnen geistvollen Beurtheilungen zu gehören. Dennoch könne ihm H. in einzelnen Punkten nicht zustimmen. Insbesondere sei Wilhelm Meisters Charakter seine durchgängige Bestimmbarkeit, ohne fast alle wirkliche Bestimmung, sein beständiges Streben nach allen Seiten hin, ohne entschiedne natürliche Kraft nach Einer, seine unaufhörliche Neigung zu Räsonnieren, u. seine Lauigkeit [...] der Empfindung [...] nicht genug getroffen. Alle diese Züge aber seien für den ganzen Roman von der größesten Wichtigkeit, weil sie Wilhelm Meister zu einem Menschen werden lassen, der ewig Knoten schürzt, ohne fast je einen durch eigne Kraft zu lösen. Darin liege das Verdienst des Romans, daß er die Welt u. das Leben ganz wie es ist, völlig unabhängig von einer einzelnen Individualität, u. eben dadurch offen für jede Individualität schildere. Darum wird auch jeder Mensch im Meister seine Lehrjahre wiederfinden. Der Dichter nötige seinen Leser, diese Weisheit sich selbst zu schaffen, u. das Product in dieser letztern hat nun keine andern Gränzen, als die seiner eigenen Fähigkeit. Der Meister wirkt im höchsten Verstande productiv aufs Leben. Es ist schlimm, daß der Titel der Lehrjahre von einigen nicht genug beachtet, von andern misverstanden wird.
Bezüge im Wissensnetz
Erwähnt (5)
GZP-Knowledge-GraphAntworten darauf (1)
GZP-Knowledge-GraphHat Sprache (1)
GZP-Knowledge-Graph- Deutsch
Wurde abgesendet von (1)
GZP-Knowledge-GraphWurde gesendet an (1)
GZP-Knowledge-GraphWurde abgesendet aus (1)
GZP-Knowledge-GraphKategorie (1)
Weitere Quellen- Brief und Korrespondenz