Normalzeugnis Zeugnis
D. Veit an Rahel Levin 4. 6. 1795 (Varnhagen2 2, 144)
Die Claudine ist, bis auf das (wie es heißt) äußerst gute Orchester, und bis auf die Gruppirungen, die eingesetzt werden, äußerst miserabel gesungen und gespielt worden. Der Rugantino singt wie ich, und spielt vollkommen die Rolle wie ein liederlicher Barbiergeselle. Goethe hat das Stück in Prosa gesetzt, und verkürzt; dabei ist aber gar nichts Merkwürdiges. Die Stelle: „Wer dichtet nicht, dem diese Sonne“ u.s.w. ist geblieben, und unser Rugantino hat sie mit einer Art von dummem Hohngelächter, mit Spaß vermischt, hergeplärrt. Auf Goethe’s Frage an Latrobe: „Nun wie hat es Ihnen denn gefallen?“ und Latrobe’s Antwort: „Ihr Orchester ist äußerst brav“, erwiderte Goethe: „Ja, sehen Sie, es ist gewiß im Einzelnen recht schlecht gegangen; denn niemand war in der Rolle; indessen geben sie uns doch hier das äußerste, was sie haben, und wenn man das sieht, hat man immer Vergnügen. Ganz verhunzen können sie es nicht, und mich hat der fünfte Akt sehr überrascht; ich habe gar nicht geglaubt, daß er so viel Zusammenhang und so viel Theatralisches hat; und Benda (der in Berlin war) singt doch wenigstens.“ Uebrigens weiß ich von den Schauspielern, daß sie äußerst aufgebracht sind, und behaupten, Goethe könnte wohl etwas schreiben, aber nichts angeben, und vom Schaupieler verstände er gar nichts. Das ahndet er freilich nicht ... Sehr amüsirt hat es mich, im Theater Goethe und Wieland neben einander mit den Büchern in der Hand sich innig freuen und mit einander sprechen zu sehen. Goethe war den Tag äußerst vergnügt; er hatte traktirt, und zwar hiesige Professoren und Latrobe und Schleusner.
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