Normalzeugnis Zeugnis

J. H. Voß d. ä. an Ernestine Voß 6. 6. 1794 (Voß1 2, 384)

Ich hatte mich kaum in meine Staatskleidung geworfen, als der Bediente den Herrn Bertuch anmeldete ... Wieland hatte indeß noch Geschäfte. Darauf gingen wir zu Goethe. Er wohnt in einem prächtigen Hause, das mit Statuen und Gemälden des Alterthums prangt. Herders kamen bald nach. Wir sezten uns zu Tische, und sprachen von Italien, Griechenland, u.s.w. Ich merkte, daß Goethe mich oft scharf betrachtete. Er ward allmählich lebhafter. Nach Tische gingen wir in sein Gartenkabinet, und tranken Kaffe. Er las Briefe von dem Maler Meyer, einem gar treflichen Genie, der sich ganz nach den Alten gebildet, und Zeichnungen für Wielands Werke gemacht hat. Dann zeigte er einige Gemälde von ihm, zum Entzücken schön. Die Unterhaltung ward sehr herzlich und vertraut. Goethe wandte sich zu mir, warum ich so schnell abreisen wollte; ich möchte ihm noch einen Tag schenken. Ich gab ihm die Hand, und versprach, einen Tag länger zu bleiben. Heute Morgen soll ich seine Kunstwerke besehn, und zu Mittage in der gestrigen Gesellschaft bei ihm essen. Ich ging mit Herder, um auf seiner Studierstube eine Pfeife mit ihm zu rauchen ... Wir wurden zum Thee gerufen, und fanden Wielands, Goethe, Böttiger und von Knebel. Man umringte mich, und wollte dies und jenes von meinen Untersuchungen über Homer hören. Am weitläuftigsten ward von der homerischen Geografie geredet, die sehr interessirte. Ich mußte die Karte von der Odyssee erklären, und die Reisen des Odysseus. Alle gestanden, daß sie überzeugt wären, und freuten sich der homerischen Einfalt. Aber nun sollte ich vorlesen. Die Odyssee ward gewählt, und ich las den Sturm des fünften Gesanges und den ganzen sechsten Gesang von Nausikaa. Ein einhelliger, warmer Beifall erfolgte. Alle gestanden, sie hätten einen solchen Versbau, eine so homerische Wortfolge, die gleichwohl so deutsch, so edel, so kindlich einfach wäre, sich nicht vorgestellt. Goethe kam, und drückte mir die Hand, und dankte für einen solchen Homer. Eben so Wieland; ich hätte ihn belehrt; er begriffe nicht, wie er mich hätte verkennen können. Man müßte von mir erst lernen, wie Homer müßte gelesen werden, und dergleichen. So auch Herder und seine Frau. Bei Tische ging das Gespräch fort über Homers Gedichte und Zeitalter. Ich ward dringend gebeten, viel von meinen Ideen aufzuschreiben, und mich um die böse Rotte nicht weiter zu bekümmern. Ich mußte noch das homerische Haus erklären. Alles schien neu und befriedigend. Wir wurden ausgelassen fröhlich. Die Erzväter der Bibel wurden recensirt mit unauslöschlichem Lachen, indem Herder komisch ihre Vertheidigung übernahm. Dabei ward rechtschaffen gezecht, Steinwein und Punsch. Goethe saß neben mir; er war so aufgeräumt, als man ihn selten sehen soll. Nach Mitternacht gingen wir aus einander. Wieland herzte und küßte mich auf dem Wege, und sagte, ich hätte allen im äußersten Grade gefallen; ich gehörte ganz zu ihnen; ich müßte hier leben (welches ich lebhaft verbat); man hätte sich durchaus einen andern Begrif von mir gemacht; Goethe hätte mit Begeisterung von mir geredet, und was dergleichen mehr war.

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