Normalzeugnis Zeugnis
Italienische Reise. 15. 11. 1786 (WA I 30, 215)
Sobald die stattliche Wirthin die messingene dreiarmige Lampe auf den großen runden Tisch gesetzt, und Felicissima notte! gesagt hat, versammelt sich alles im Kreise und legt die Blätter vor, welche den Tag über gezeichnet und skizzirt worden. Darüber spricht man, ob der Gegenstand hätte günstiger aufgenommen werden sollen, ob der Charakter getroffen ist, und was solche erste allgemeine Fordernisse sind, wovon man sich schon bei dem ersten Entwurf Rechenschaft geben kann. Hofrath Reiffenstein weiß diese Sitzungen durch seine Einsicht und Autorität zu ordnen und zu leiten. Diese löbliche Anstalt aber schreibt sich eigentlich von Philipp Hackert her ... und wir finden, wie löblich es sei, den thätigen Antheil eines jeden zu wecken. Die Natur und Eigenschaft der verschiedenen Gesellschaftsglieder tritt auf eine anmuthige Weise hervor. Tischbein z. B. sieht als Historienmahler die Landschaft ganz anders an als der Landschaftszeichner. Er findet bedeutende Gruppen und andere anmuthige vielsagende Gegenstände da, wo ein anderer nichts gewahr würde, und so glückt es ihm auch, manchen menschlichen naiven Zug zu erhaschen, es sei nun an Kindern, Landleuten, Bettlern und andern dergleichen Naturmenschen, oder auch an Thieren, die er mit wenigen charakteristischen Strichen gar glücklich darzustellen weiß und dadurch der Unterhaltung immer neuen angenehmen Stoff unterlegt.
Will das Gespräch ausgehen, so wird gleichfalls nach Hackerts Vermächtniß in Sulzers Theorie gelesen, und wenn man gleich von einem höhern Standpuncte mit diesem Werke nicht ganz zufrieden sein kann, so bemerkt man doch mit Vergnügen den guten Einfluß auf Personen, die auf einer mittlern Stufe der Bildung stehen.
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